Beyond Infinity. Magische Motive mit der Zorki Kamera

Die Möglichkeit, mithilfe künstlicher Intelligenz neue Bilder quasi aus dem Nichts zu generieren, ist im Sommer 2022 immer bekannter geworden. Es ist klar, dass man sich als Künstler auch damit beschäftigen und eine eigene Meinung dazu bilden muss. 

Die Wirklichkeit war in der Fotografie schon immer ein wichtiges und ganz wesentliches Thema. Unter dem Titel „Jenseits der Unendlichkeit“ habe ich begonnen, analoge Fotos digital zu manipulieren, neue Negative zu erstellen und letztendlich wieder analoge Handabzüge zu machen. Teilweise habe ich meine Prints auch noch mit analogen Mitteln (Seifenblasen, Lichterketten etc.) in der Dunkelkammer künstlerisch weiter bearbeitet. 

So kann ich mithilfe künstlicher Intelligenz analoge Fotos von Delfinen im Rhein und Einhörnern erstellen. Besonders gelungen finde ich aber auch eher subtilere Bilder, wo man die Manipulation auf den ersten Blick gar nicht mehr erkennt: Giftschlangen am Flussufer, badende Menschen gemeinsam mit exotischen Tieren …

In der historischen analogen Fotografie auf lichtempfindlichem Filmmaterial wird die Großartigkeit aber auch die Beschränktheit des eigenen Sehens und Wahrnehmens meiner Meinung nach schön sichtbar. Gleichzeitig bietet die analoge Fotografie durch ihre physische Kausalität reichlich Überraschungen und materialimmanente neue fotografische Qualitäten. Den Umgang mit alten Kameras und analogen Filmen erlebe ich als ehrliches und authentisches Arbeiten.

Diese Perspektive auf die Fotografie ist mir als Hintergrund wichtig. Künstlerische Fotografie entsteht jedoch erst, wenn man trotz allem versucht, über die Technik hinaus und hinter die Beschränkungen vorzudringen. Der Titel „Beyond Infinity / Jenseits der Unendlichkeit“ möchte in diesem Sinne Arbeitsauftrag sein. Er will aufzeigen, was trotz der Beschränktheit auf eine alte Messsucherkamera und Schwarzweissfilm alles möglich ist. Ausgangspunkt für diese Serie ist immer die analoge Zorki-Kamera. Danach ist jedes zusätzliche Mittel erlaubt: Scanner und digitale Bildbearbeitung, künstliche Intelligenz, hochauflösende Laser, um neue Negative aus digitalen Vorlagen zu erstellen … Die Technik bildet den Rahmen für künstlerische Vorhaben. An der Beschränktheit dieses Rahmens kann sich jedoch auch die Fantasie entzünden, Neues passieren und künstlerische Fotografie entstehen, die bestenfalls über sich selbst hinausweist.

Fotos zeigen die Spuren, sie erinnern an unsere Wege und verweisen auf unsere Zeit und unseren Raum. Dennoch gibt es auch sehr viel, was eine Kamera nicht darstellen kann. Ein Foto ist immer eine Abstraktion und zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Der größte Teil der erlebten Wirklichkeit wird vom Foto nicht berücksichtigt. 

Selbst gemachte analoge Handabzüge haben manchmal einen leicht amateurmäßigen, aber gerade deswegen auch vertrauten Charme. Solche Fotografie gilt oft als der Wirklichkeit entsprechend, im Gegensatz zu digitalen Bildern, wo man mittlerweile gewohnt ist, dass sie stark bearbeitet werden. Umso seltsamer ist es dann, meine altmodisch anmutenden Fotos anzuschauen. Tatsächlich wurden analoge Fotos jedoch auch früher schon bearbeitet, man denke beispielsweise an die Glasplattennegative des Fotografen Frank Eugene (1865-1936).

Die Indexikalität ist das wesentliche Merkmal eines Fotos. Der Bruch zwischen Referent und dem letztendlich vorliegenden Bild ist heute durch die Möglichkeit für jedermann, auch als Amateur täuschend echt wirkende Bilder fast aus dem Nichts zu generieren, noch einmal größer geworden. Aus dem Kino und von digitalen Fotos kennen wir künstlich generierte Bilder bereits sehr gut. Aber dass analoge Handabzüge aus der privaten Dunkelkammer plötzlich Fabelwesen oder frei erfundene Situationen zeigen, sind wir noch nicht gewohnt.

Mit der Arbeit an dieser Serie möchte ich zeigen, dass meine alte analoge Messsucherkamera alles fotografieren kann, was ich mir vorzustellen vermag. Sie wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Zauberkamera. Und auch mit analogen Bildern habe ich unendliche Möglichkeiten.


Im Rahmen der Ausstellung „Unheimlich.Großartig“ habe ich meine Arbeiten im Atelierhaus Darmstadt gezeigt.

Eine Auswahl habe ich gerahmt, die andere Auswahl versucht möglichst pur als Silbergelatine Handabzug auf alten Baryt- und PE Papieren sichtbar zu machen.

Hier ein kleiner Auszug aus der Laudatio von Bettina Bergstedt zu unserer Vernissage:

„So schafft Georg Cevales surreale Bilder, wenn er mit einer alten sowjetischen Zorki-Kamera mithilfe von künstlicher Intelligenz seine Bilder bearbeitet. Sein Motiv: „Vater Rhein“, romantischer Mythos im 19. Jahrhundert. Der Fotograf Cevales setzt auf Irritation. Wenn Fotografie lange als das Abbild der Wahrheit galt, so erscheinen ein springender Delfin oder ein badender Dinosaurier im Rhein ‒ analog auf Silbergelatine oder Barytpapier gebannt, wie zwei sich ausschließende Behauptungen. Der surrealistische Lyriker und Essayist Pierre Reverdy sagte: „Je entfernter und richtiger die Beziehungen der beiden nebeneinanderstehenden Realitäten sind, desto stärker wird das Bild sein, desto stärker seine gefühlsmäßige … und seine poetische Aussagekraft“. So verweisen diese beiden Wahrheiten ‒ Delphin und Rhein, in die Zukunft. Ob so oder anders, wer weiß schon, welche Lebewesen aufgrund von Klimawandel einmal den Rhein bevölkern werden?“

Digitale Collage über die Entwicklung eines eigenen Stils

Die Entwicklung eines künstlerischen Stils

Dieses Jahr sind künstliche Intelligenzen und all die Möglichkeiten, welche sich mit der Entwicklung dieser Technologie auftun, immer mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

Kunstdiskussion mit einer KI:

Im Rahmen dieses Beitrags möchte ich eine kleine Spielerei starten: Die Texte und alle Bilder dieses Beitrags wurden mithilfe verschiedener künstlicher Intelligenzen entwickelt. Ausgangspunkt für den Text waren von mir gestellte Fragen zu den Themen „Individualisierung und Stil in der Kunst“ im Open AI Playground. Ein besonderes Anliegen waren mir daneben Überlegungen zur Avantgarde, Gesellschaftskritik und dem Selbstverständnis der Kunstschaffenden heute.

Wie sind die Texte entstanden?

Meistens habe ich nur einzelne Absätze aus langen, künstlich generierten Textpassagen genommen. Es sind viele lose Gedanken, die ich aneinandergereiht, etwas überarbeitet und mit eigenen Worten ausgeschmückt habe. So ist hier eine Textcollage entstanden, die mit ihren Aussagen vielleicht zum Nachdenken über Kunst, Stil und Individualisierung anregen kann.
Mit einem Chat-Bot (Chat-GPT) habe ich schließlich die gesammelten Ausführungen hinterfragt und eine Art Dialog kreiert. In den kursiv geschriebenen Texten sind die Antworten.

Wie sind die Bilder entstanden? 

Die Bilder sind entstanden, indem ich alle Aussagen ins Englische übersetzt und den so gewonnenen Text in die KI DALL-E eingegeben habe, die aus Text Bilder generiert. Wenn einzelne Gesichter zu stark verzerrt waren, habe ich sie mit einer anderen KI notdürftig restauriert. Hier tritt auch die Beschränktheit der Technik, die im Moment noch in ihren Kinderschuhen steckt, besonders frappierend zu Tage.
Das Titelbild ist ebenfalls eine digitale Collage. Es ist ein „Outpainting“, indem ich nacheinander spiralförmig alle vorher angewandten Texte eingegeben habe.

„Die Entwicklung eines künstlerischen Stils“ weiterlesen

ORWO TC27

Berglabor und Fotoexperimente aus den Dolomiten

Dieser Beitrag ist ein Bericht über meine Fotoexperimente in den Bergen. Hier sammle ich meine Erfahrungen beim Versuch, nur mit einfachsten Mitteln analog zu fotografieren.
Kommt mit auf eine Reise in die Dolomiten und entdeckt den Charme der analogen Fotografie mit verschiedenen Filmtypen bei der Verwendung von Caffenol, einem hausgemachten Entwickler auf Kaffeebasis.

Die Reise beginnt: Vorbereitung und Ausrüstung.

Mit vollem Rucksack bin ich im Sommer in die Berge gefahren. Im Gepäck hatte ich jedoch nicht nur alle meine Lieblingskameras, sondern auch Wechselsack, Caffenol, Fixierer und Entwicklungsdöschen.

Ewig zu warten, bis man seine Ausbeute begutachten kann, erschien mir keine gute Lösung. Deswegen war sogar ein Reise-Scanner mit dabei. So hatte ich ein kleines, aber komplettes Berglabor und konnte ungestört arbeiten, Fotos machen und die Filme direkt entwickeln und anschauen.

Experimente mit verschiedenen Filmtypen: Von Klassikern bis zu Exoten.

Mir macht es sehr viel Spaß, neue Filme auszuprobieren. Dabei recherchiere ich vorher den Stil eines Films und versuche passende Themen und Motive zu finden. Filme mit stark S-förmiger Gradationskurve sehen beispielsweise oft besonders düster aus. Manche Filme schillern in silberigem Glanz und erinnern an alte Kinolegenden. Es gibt aber auch solide, robuste Klassiker wie den Kodak Tri-X 400. Das ist dann vielleicht langweiliger, funktioniert aber und liefert zuverlässige Ergebnisse.

Caffenol: Ein hausgemachter Entwickler auf Kaffeebasis.

Mein Caffenol-Rezept ist inzwischen ausgiebig erprobt und funktioniert eigentlich mit allen Filmen.

Caffenol-C-L
300 ml Wasser
5 g. Wasch-Soda
3 g. Vitamin C
12 g. Löslicher Kaffee
1 Meßlöffel (< 0,5 g.) Kaliumbromid

300 ml passen genau in eine kleine Jobo Filmentwicklungsdose. 70 Minuten Entwicklungszeit sind es bei 20 Grad. Die ersten 10 Minuten hin und wieder bewegen und vorsichtig schütteln. Anschließend 60 Minuten einfach nur stehen lassen.

Der Vorteil dieser Semi-Stand Entwicklung ist, dass sich das Caffenol anfangs gleichmäßig verteilt, danach wirkt der Entwickler aber ausgleichend. Ich habe das Gefühl, dass sich der Film nimmt, was er braucht. Caffenol C-L ist außerdem durch das wenige Soda nicht so stark und mit der langen Zeit von 70 Minuten ist es ein gutmütiges Entwickeln, welches manche Fehler verzeiht.


Ergebnisse aus dem Berglabor:

Morgendliche Schafherde auf dem Weg zur Alm und ein etwas makaberes Stillleben mit toten Mäusen und verwitterter, bemooster Barbiepuppe, die ich im Wald gefunden habe.

Fatal war: Ich hatte keinen Messbecher und nur ein zu kleines Marmeladenglas. Da ich mein frisch angerührtes Caffenol ohne Vorwässern nicht in einem Rutsch, sondern in zwei Anläufen in das Entwicklerdöschen geschüttet habe, ist eine unschöne Linie über den ganzen Film entstanden. Gleichmäßiges Eingießen und sanfte Bewegung am Anfang des Entwicklungsprozesses sind, wie man sieht, essenziell.


Umso feiner ist der nächste Film geworden. Tatsächlich ist es einer meiner Lieblingsfilme, der ORWO DN21. Weil er nur 16 ISO hat, kann man auch bei helllichtem Tage mit weit geöffneter Blende fotografieren und das Jupiter 9 Objektiv kann mit ihm seinen ganzen Charme entfalten.

Hier eine Auswahl mit dem ORWO DN21. Die Bilder wirken fein, scharf, hell, freundlich und besonders auch in den Mitten differenziert. Es ist ein fabelhafter Film für sonnige Ferientage mit einem lichtstarken Objektiv. 

Die Ergebnisse des ORWO DN21 wirkten so exquisit, dass ich sie zuhause mit einem guten Scanner nochmal eingelesen habe um genauer hinzuschauen. Tatsächlich ist er so superfein, dass man kaum noch Korn erkennen kann und selbst an weniger dichten Stellen findet sich noch eine erstaunliche Tiefe mit Bildinformationen. „Berglabor und Fotoexperimente aus den Dolomiten“ weiterlesen

Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen. 

In der Kunst geht es am Ende immer auch um den Menschen. Dabei ist es manchmal jedoch gar nicht so einfach, die Menschen zu mögen. Für viele Probleme kann man die Menschheit verantwortlich machen. Allein die Umweltprobleme: Plastik im Meer, Artensterben, Klimawandel… Trotzdem ist die Menschenliebe für Künstlerinnen oder Künstler ein sehr wirksamer Antrieb und viele Arbeiten drehen sich um den Zweck des Menschseins oder das Verhältnis des Menschen zur Welt. 

Besonders in schwierigen Zeiten ist es wichtig, die Menschen gern zu haben. Dabei hilft, wenn man sich klar macht, dass viele unserer globalen Probleme in Wirklichkeit nicht von einzelnen Menschen gemacht sind, sondern in der Form ihres Zusammenlebens gründen. Tatsächlich sind nur selten einzelne Menschen schuld. Unsere Probleme sind vielmehr Probleme der Gesellschaftsform: Es sind wirtschaftliche und politische Probleme, aber keine Probleme des Menschen an sich. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung einer Gesellschaft, beispielsweise gegenüber der Geschichte und gegenüber gemeinsamen Idealen und Werten. Jedoch alle Menschen pauschal verantwortlich zu machen ist insbesondere auch deshalb unfair, weil die meisten Menschen mit den aktuellen Zuständen der herrschenden Elite, korrupten Politikern oder Militärdiktaturen absolut nicht einverstanden sind. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es wäre zynisch, wenn man sie für die Situation in ihrer Heimat verantwortlich machte. Auch lebt beispielsweise die Hälfte der Menschen in armen Verhältnissen (48,4 % der Weltbevölkerung lebten 2013 von weniger als 5,50 Dollar am Tag) und hat überhaupt nicht genug Geld, um exzessiv zu konsumieren und viele Ressourcen zu verbrauchen. Die Menschen sind also nicht das Problem, sondern die Gesellschaftsform und sehr wenige einzelne Privilegierte, die unverhältnismäßig davon profitieren. 

„Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen. „ weiterlesen

Über das Interessante

In den vergangenen Wochen habe ich oft Notizen gemacht und viel gezeichnet. Hier möchte ich einige dieser Zeichnungen zeigen und aus meiner Sammlung an losen Gedanken herausschreiben, was interessante Dinge, Situationen und Menschen charakterisiert.
Generell würde ich gerne behaupten, dass alles interessant sein kann. Interesse ist vor allem eine innere Haltung und liegt nicht allein in den äußeren Dingen, sondern vielmehr auch in unserer Fähigkeit durch Empathie, Begeisterung und Phantasie mit der äußeren Welt umzugehen und dadurch unsere eigene Welt zu erfüllen und zu bereichern. 

Aber ganz von Anfang an: Was ist interessant?

Interessant ist zum Beispiel etwas Besonderes: Außerordentlich groß, ungeheuer wertvoll, selten, kostbar, extrem… Gerade wenn wir es noch nicht so richtig begreifen und kein festes Bild haben, wird unsere Phantasie angeregt. 

Interessant kann aber auch sein, wenn man eine Sache besser versteht, die einen viel beschäftigt hat. Etwas, wo man starke Gefühle und auch Widerstände erlebt hat. Dann sind neue Aspekte dazu interessant: Lösungen, Instrumente, Tricks, Wege die mich weiterführen und mir helfen, mein eigenes Projekt daraus zu machen. Interessante Themen schaffen Sinn, bewegen mich und ich kann sie in meinem Leben anwenden. Aber auch unnützes Wissen kann interessant sein und unterhalten. 

Das Wie ist entscheidend. 

Interessant ist vor allem die Eigenschaft von etwas. Interessant ist, wie es aussieht, wie es reagiert oder wie es gemacht wird. Was es ganz konkret ist, ist indessen schnell langweilig. Das Wie kann unser Interesse wecken und spannend sein. Sowie uns etwas interessiert, sind wir auch schon dazwischen und nehmen teil. Wenn wir uns angesprochen fühlen und involviert sind, nehmen wir all die Facetten wahr, die unser Leben insgesamt reicher und lebhafter machen.  „Über das Interessante“ weiterlesen

Bon(n) Expérimental – Fotos aus Bonn

In diesem Beitrag möchte ich analoge fotografische Experimente und interessante Fotos sammeln. Gespickt wird das Ganze dazu nach und nach mit weiterführenden Beobachtungen und Gedanken.

Was ist ein gutes Foto?
Was macht es interessant?

Technische Leistungen sind auf jeden Fall interessant. Nach ausgeklügeltem Plan, vorab erprobt und schließlich von erfahrener Hand exakt ausgeführt…
Handwerkliches Geschick und wiederholbare Ergebnisse machen viel vom Wert einer fotografischen Arbeit aus.

Wo es gemacht wurde ist ebenfalls sehr wichtig. New York ist cooler als Bonn. Fotos von einer langen, exotischen Reise sind oft interessant und machen Spaß anzuschauen.

Wer es gemacht hat ist wie bei jedem Kunstwerk wichtig.
Fotos von Meistern und Pionieren wie Josef Sudek, Henri Cartier-Bresson oder Robert Frank sind per se Kostbarkeiten.
Schluss­end­lich kann auch die Kamera dem Foto einen gewissen Wert geben. Es gibt legendäre und berühmte Kameras, echte Klassiker.
Fotos einer Leica M oder einer Hasselblad 500er Kamera schauen wir allein deshalb ehrfürchtig an, weil sie mechanische, technische Wunderwerke und ziemlich teuer sind.

Die Fotos in den folgenden Serien erfüllen nicht eines dieser Kriterien. 

Technisch sind sie keinesfalls brillant: Meine Filme sind meistens nicht perfekt belichtet und einfach bei Raumtemperatur nach Bauchgefühl entwickelt.

Fotos aus New York habe ich zwar auch, für diesen Beitrag sammele ich jedoch nur fotografische Eindrücke im Radius meiner täglichen Fahrradrunden, aus Bonn.

Kein Ort ist langweilig, wenn du gut geschlafen und die Tasche voller unbelichteter Filme hast“ – Robert Adams

Ich bin keine Legende im Olymp der weltberühmten Fotografen und meine Zorki sieht zwar tatsächlich ein bisschen wie eine Leica aus, hat aber nur ein paar Euros gekostet.

Retro Kameras Zorki 4K„Das Unwichtigste bei der Aufnahme einer guten Rock ’n’ Roll-Platte ist die technische Ausstattung deines Studios“ – Keith Richards, Rolling Stones

Der Begriff Fotografie meint wörtlich „zeichnen mit Licht“.
Analoge Fotografie ist für mich ein bisschen wie Malerei: Das Bild ist aus einem Guss und hat in sich eine besondere Ganzheit, wie man sie auch in geglückten malerischen Arbeiten findet.
Wie in meinen gemalten Bildern, versuche ich auch meine Fotos einem Prozess auszusetzen. Die Spuren der Interventionen, verschiedene Einflüsse und materialimmanente Eigenheiten sind schließlich mit im fertigen Bild und machen es, wenn alles gut läuft, zu einem interessanten, authentischen und ein Stück weit wahreren Werk.

Der erste Film mit meiner mittlerweile heißgeliebten Zorki 4K Sucherkamera. Gleichzeitig auch mein erster selbst entwickelter Film.
Nach langem Kampf beim Einspulen im Wechselsack ist alles sehr stark zerkratzt. Außerdem hatte der Vorhang der Kamera ein riesiges Lichtleck, was ich erst anschließend mit Latex geflickt habe: 

Man kann seine fotografische Abenteuerlust auch ausleben, ohne weit weg zu fahren.

Spannend finde ich zum Beispiel, wenn man die Technik ins Extreme treibt: Was passiert bei winziger Blendenöffnung und langen Belichtungen, obwohl es von der Licht-Situation her auch moderat gemäßigt ginge?
Wie sehen vor Jahren abgelaufene Filme aus?
Was kitzle ich noch aus altem Entwickler und ausgelutschter Chemie?
Was passiert, wenn man seinen Film vor dem Entwickeln noch ein bisschen in der Mikrowelle brutzelt?

Mit Grüngelbfilter im Auenland. Ein Sommertag in der Siegaue: 

Infrarotfilm ist ein bisschen ähnlich, wie Grünfilter. An einem sonnigen Herbstnachmittag habe ich versucht mit meiner kleinen Rollei 35 möglichst scharfe Fotos im Kottenforst zu machen.
Die Kopfbuchen in der Waldau haben viele Strukturen, Rinde und kleine Äste, an denen man einen Fokus versuchen kann. Dennoch ist es mit der Rollei schwierig richtig scharfe Fotos zu machen.
Einerseits ist das Objektiv überhaupt nicht gutmütig, andererseits verwackelt sie sich leicht. So dass man theoretisch mindestens eine 125tel Sekunde mit Blende 8 bräuchte – wodurch die Fotos aber auch nicht schöner werden.
Ich mag weit geöffnete Blenden sehr, dafür muss man dann aber entweder sehr genau messen oder auf Nahaufnahmen verzichten.

Mit Infrarotfilm im Kottenforst. Ein sonniger Herbsttag bei den Kopfbuchen: 

Infrarot-Fotografie ist ein eigenes Thema und wenn man danach sucht, finden sich einige Experten und sehr informative Webseiten mit Tipps und Hintergrundwissen. Wesentlich für den Infrarot-Effekt ist zum einen ein Film, der bis in den Infrarotbereich sensibilisiert ist, andererseits braucht man aber auch einen Filter, der alle anderen Wellenlängen aussperrt, um das Infrarote Spektrum richtig gut sehen zu können.
Der Konica Infrared 750nm ist ein Schwarz-Weiß-Infrarotfilm, der bis weit in den Infrarotbereich sensibilisiert ist. Leider wird er nicht mehr hergestellt.

Hier habe ich mit der Zorki einen 2002 abgelaufene Infrarot-Film von Konica ausprobiert. Leider jedoch furchtbar überbelichtet. Nach all den Jahren und durch meinen tiefroten IR-Filter hindurch hätte ich nie gedacht, dass er noch so empfindlich ist.
Nach der sommerlich heißen Entwicklung im Kaffebad war der Film einfach nur rabenschwarz. So habe ich den ganzen Film anschließend gebleicht und auf Sicht ein zweites Mal kürzer entwickelt. Mit offener Blende und durch all diese Prozesse sind es sehr weiche, traumartige Fotos geworden.

Am Rheinufer und bei der Siegmündung mit abgelaufenem Infrarotfilm und tiefrotem, sehr dunklem 720nm Filter.

Vor allem Himmel mit Wolken werden mit Gelbfilter dramatisch. Allerdings ist der Adox CMS 20 II Film sowieso sehr kontraststark. In dieser Serie sind Fotos aus dem Kottenforst, mal mit und mal ohne Gelbfilter. Beim Abendhimmel im Gegenlicht über der Bonner Oper war z. B. kein Filter im Spiel, trotzdem wirkt er sehr dramatisch.

Dramatische Fotos, mit und ohne Filter: Adox CMS 20 II Film mit der Frankenstein-Zorki und Jupiter 12 Objektiv. 

Die Experimente sind für mich kein Selbstzweck. Trotz all den Abenteuern steht dahinter dennoch immer der Wunsch ein geglücktes Bild zu schaffen. Ich suche neue interessante Bilder und möchte mit diesen Experimenten etwas Schönes, Ungewohntes und Neues entdecken.

„Nur ein Narr macht keine Experimente“ – Charles Darwin

Die meisten Aufnahmen sind mit meinen alten russischen Zorki 4K Kameras entstanden. Ich habe inzwischen ziemlich viele Objektive, alle sind Festbrennweiten mit 35, 50 und 85mm.
Als Zweitkameras habe ich eine kleine Rollei 35, welche immer mit dabei ist. Außerdem eine Kiev 4 und eine LOMO LC-A, die klassische Schnappschusskamera.

Selfies meiner Kameras. Die Zorki hat einen Selbstauslöser: 

Fotos fangen den Moment ein. Fotos geben aber nie die Wirklichkeit wieder, weil sie immer anders als die Wirklichkeit sind. Auch wenn scheinbar alles richtig gemacht wird, ist ein Foto dennoch immer eine Abstraktion. Deshalb wird es für mich auch gerade da interessant, wo das Foto seine Grenzen erreicht, wo es im technischen Experiment ein eigenes Bild schafft.
„Falsche“ Belichtungen, sehr empfindliche Filme, Kratzer und Spuren der Wechselwirkung mit dem Medium schaffen eine eigene Foto-Realität, die ich mit diesen Bildern hier suche.

Im Atelier, unterwegs mit dem Rad und auf dem Frankenbadplatz mit einem ziemlich hart entwickelten Adox HR-50 Film: 

Bei der analogen Fotografie gibt es mindestens drei Variablen, die das Foto extrem verändern können.

  1. Die Belichtung in der Kamera. Film, Blende und Zeit.
  2. Die Entwicklung des Films. Verdünnung der Chemie, Zeiten und Temperatur.
  3. Die Abzüge in der Dunkelkammer bzw. die Digitalisierung der Fotos.

Wenn man „hybrid“ arbeitet, werden die Fotos digitalisiert. Das ist heutzutage sinnvoll, weil man die Fotos ja in irgendeiner Form mitteilen möchte und über das Internet erreicht man nun mal sehr viele Menschen.

Wer seine Fotos am Computer bearbeiten würde, hätte schließlich noch eine vierte Variable und die Möglichkeit dabei fast alles zu verändern.

Eine sonnige Radtour am Rhein, von Bonn bis Rolandseck.
Für die Belichtung dieses Rollei RPX 100 Films habe ich versucht immer nur extreme Blenden-Öffnungen zu wählen und dafür richtig lang zu belichten. Anschließend wurde in altem, ziemlich ausgelutschtem aber sommerlich warmem Entwickler entwickelt. 

An einem verstrahlten Sommertag habe ich meine alten Entwickler zum Wertstoffhof gebracht.
Hier sind nun Fotos einer kleinen Tour durch Bonn, allerdings oft mit sehr weit geöffneter Blende ziemlich heftig überbelichtet.

„Es geht um schnelle und sparsame Heuristiken – einfache Regeln für Entscheidungen, wenn die Zeit drängt und gründliches Nachdenken ein unerschwinglicher Luxus ist. Diese Heuristiken können sowohl lebenden Organismen als auch künstlichen Systemen ermöglichen, kluge Entscheidungen, Klassifikationen und Vorhersagen zu treffen, indem sie begrenzte Rationalität anwenden.“ –  Simple heuristics that make us smart, Gigerenzer und Todd

Auch wenn das nicht die besten Fotos sind, lernt man gerade durch solche Versuche sehr viel, finde ich. Bis man irgendwann ein relativ zuverläsiges Gespür für Licht und die beste Belichtung hat, ist es eben ein Weg mit viel Trial & Error.

Der JCH StreetPan 400 Film ist ein ziemlich teurer Film, der ursprünglich von AGFA entwickelt wurde und speziell für die Street Photography und schnelle Situationen gedacht ist.
Auffällig ist der puderige rabenschwarze Look. Das Bild erinnert fast an eine Kohlezeichnung. Himmel wirken herrlich dramatisch, wenn man ihn etwas unterbelichtet. Allerdings gibt es dann gleichzeitig in den Schatten schnell keine Zeichnung mehr. Es ist eigentlich kein gutmütiger Film mit einigen Überraschungen. Zweimal ist er mir beim Entwickeln völlig missraten – natürlich war ich immer selber schuld, dennoch: Irgendwie bleibt er eben zickig und knifflig. Trotzdem habe ich ihn immer wieder gerne dabei.

Hier eine Auswahl von meinen Streifzügen mit der Zorki und dem JCH Streetpan durch Bonn und Bornheim. 

Der Dynamikumfang eines Negativfilms ist enorm!
Theoretisch muss man sich wirklich nicht groß um eine korrekte Belichtung sorgen. Mit einem gutmütigen Scanner kann man aus fast allem noch etwas heraus kitzeln.
Praktisch ist die Belichtung natürlich wichtig, weil der Film sonst aussieht wie Griesbrei (überbelichtet) oder viel zu flach und wenig dicht ist (unterbelichtet). Trotzdem: Besonders in Schwarzweißfilmen ist oft viel mehr Information, als man sie in einem einfachen digitalen Foto ausdrücken könnte.
Mein Scanner hat deshalb beispielsweise auch die Möglichkeit mit der Funktion „Multi-Exposure“ den Dynamikumfang des Negativs durch einen 2-fach-Scan besser zu erfassen.
Hier ein Blick ins Kaleidoskop am Beueler Rheinufer, mit einem JCH StreetPan 400 Film. Es ist immer das selbe Foto, nur die Helligkeit des Scanners wurde verstellt: 


In der sehr feinen Bonner Südstadt habe ich versucht einmal alles ganz korrekt zu machen. Hier habe ich einen Fuji Neopan Acros 100 Film genommen, mit Hand-Belichtungsmesser ordentlich belichtet und exakt entwickelt.
Es war der erste Film mit meinem neuen Jupiter-12 35mm Objektiv und ich wollte wissen, was es kann. 

Der Nachfolger dieses sehr feinen Films ist der Fuji Acros II. Allerdings wird der ziemlich schnell grob und sehr viel weniger fein, wenn man überbelichtet bzw. zu lange entwickelt.
Beim alljährlichen Hochwasser habe ich Fotos mit sehr unterschiedlicher Belichtung gemacht und das ganze danach in Caffenol CL entwickelt.

Der Fujifilm Neopan Acros 100 II Film etwas zu lange in zu heißem Kaffee entwickelt. Nur noch unterbelichtete Fotos sind fein. 

Hier habe ich mein geliebtes Jupiter 9 Objektiv auf eine Zenit 3m Spiegelreflexkamera mit M39 Bajonett geschraubt. Es ist zwar dasselbe Bajonett wie auch bei den Zorkis, aber das Objektiv ist bei der Zenit Kamera weiter vorne – Helios wären die passenden Objektive für eine Zenit… Dadurch, dass es zu weit vorne sitzt, kann man das Jupiter 9 auf der Zenit nicht mehr unendlich scharf stellen. Im Nahbereich ergeben sich aber plötzlich ganz neue Möglichkeiten: Bei Blende 2 kann man bis zu 50 Zentimeter nah an die Dinge ran! Das wollte ich ausprobieren!
Entscheidend für die Feinheit der Fotos ist nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Belichtung. Es war ein grauer Frühlingstag im Botanischen Garten, so habe ich alle Fotos mit einer 125tel Sekunde bei Blende 2 gemacht. Im Unterholz herumkriechend, bei Makroaufnahmen ist das Licht naturgemäß eher schummrig…

Für mein Makro Experiment mit dem Jupiter 9 Objektiv habe ich den sehr feinkörnigen Mikrofilm Agfa Copex Rapid in Spur Nanotech UR Entwickler (1:14 Verdünnung) entwickelt. 17 Minuten bei 30 Grad (!). 

Ein sehr spannender Film ist der hochauflösende SPUR Ultra R 800, der eine Auflösung von 800 Linienpaaren pro Millimeter verspricht. Hier wie empfohlen mit dem dazu passenden Spur Nanotech UR Entwickler entwickelt.

Altweibersommer in Bonn mit superfeinem SPUR ULTRA R 800 Film. Mit dem Helios 44 Objektiv und möglichst offener Blende fotografiert. 

Auf nur 200 Meter habe ich an einem sonnigen Herbsttag eine ganze Rolle Spur Ultra R 800 mit meiner Zorki4K und dem 85mm Jupiter 9 Objektiv fotografiert. Wenn man zwischen all den Experimenten hin und wieder einmal versucht, alles richtig zu machen, wenn man sich bemüht, so exakt wie möglich zu fotografieren, erkennt man ganz gut die eigenen Grenzen und den Rahmen, den das Material stellt. Diesen Film habe ich für 25 ISO mit Spur Nanotech UR entwickelt.
Gut fand ich schließlich auch den Tipp, den Film eher kürzer im Netzmittel zu baden (ungefähr 30 Sekunden) und danach vorsichtig mit der weichen Seite eines Küchenpapiers abzustreifen. So hat man tatsächlich überhaupt keine Flecken oder Streifen auf seinen Negativen. Mit Abstreifzangen dagegen habe ich bisher nur sehr böse Überraschungen erlebt und würde jedem dringend vom Gebrauch abraten.

Ein Herbstnachmittag am Rheinstrand in Niederdollendorf mit SPUR Ultra R 800 und Jupiter 9 Objektiv. 

Wenn alles klappt, ist der Film WASHI-F sehr fein und mit schönem Kontrast. Überbelichtet oder überentwickelt wird der Washi-F dagegen schnell sehr grobkörnig. Es ist ein vergleichsweise kniffliger Film, der Belichtungsfehler nicht so leicht verzeiht wie z. B. mancher Film von Ilford. Obwohl man ihn tatsächlich ähnlich entwickeln kann wie den Ilford FP4+.
Das besondere an diesem Film ist die fehlende Lichthofschutzschicht.  Das kommt besonders beim leuchtenden Schwan zur Geltung. Aber auch die Bäume im Auenwald werden rechts und links deutlich überstrahlt.

Ein leuchtender Schwan, Frühling und Blüten mit der Zenit3M und Helios Objektiv auf dem Film Washi-F. Zum Vergleich mit der Caffenol-Entwicklung, die als alternatives Rezept weiter unten beschrieben wird, habe ich hier eine Semi-Standentwicklung mit FX-39 Entwickler genommen. 1+16 Verdünnung, 16,5 Minuten bei 21 Grad. 


Auch vor einem Experiment wird geplant, dabei wird aber eine gewisse Offenheit des Ergebnisses bewahrt. Übertragen könnte man sagen, dass das experimentelle Arbeiten die ökonomischen Minmal- und Maximalprinzipien aushebelt.
Aus einer experimentellen Arbeit kann viel mehr entstehen, als man sich vorher gedacht hat und als erwartet wurde. Mit etwas Fürsorge und mit ein bisschen technischem Einfühlungsvermögen können die meisten Ergebnisse weiterverwendet werden.

Überentwickelte Schwarzweißfilme kann man mit einem Bleichbad zurück in Silbersalz verwandeln. 

Nach dem Bleichbad hat man dann die Chance das Foto neu zu entwickeln.
Entwickelt man die gebleichten Fotos jedoch anschließend zu kurz, wäscht der Fixierer das ganze verbliebene Silbersalz aus dem Film und die Bilder sind unwiederbringlich zerstört.

Hier einige Zwischenschritte hin zur völligen Auslöschung des Bildes: 

Nutzt man die Bleiche für Schwarzweiß Filme nur ein bisschen, wie z.B. einen Farmerschen Abschwächer, entstehen auf den unvollständig gebleichten Filmstreifen Schlieren.

Bonn mit riesigen malerischen Schlieren:

Will man zu dunkle Fotos korrekt bleichen, muss man den Film immer vollständig zurück in Silbersalz verwandeln und dann neu entwickeln, bis es paßt. Das geht aber bei Licht, auf Sicht, und funktioniert prinzipiell sehr gut. Allerdings ist das ganze Prozedere mit einem hohem Risiko von Kratzern und neuen Macken verbunden.

Ein sonniger Nachmittag im Juni in Bonn Beuel führte mich zu einem erneuten Versuch mit Bleiche.

„Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ – Hermann Hesse

Ich mag Fotos mit möglichst weit geöffneter Blende besonders, weil sich das fokussierte Feld dann stark eingrenzt. So bleibt viel freier Raum für die Materialität des Objektivs, für Vignetten, Verzerrungen, Abstraktionen und all die anderen schönen materialimmanenten Vergröberungen. So bekommen die Fotos oft einen traumartigen, malerischen Look. Für mich nenne ich diesen Effekt immer „Locked-in-Charakter“, weil der Blick im eingeschränkten Fokusfeld des Bildes gefangen wird und sich die Welt drumherum immer mehr verliert.

Normal belichtete, ungebleichte Fotos als Referenz: 

An einem sonnigen Nachmittag sind die Fotos mit extrem offener Blende auch schnell heftig überbelichtet. Bei zu sehr sonnengetränkten Negativen kann sich auch ein sehr gutmütiger Scanner nur mühsam durchnagen. Die Bilder sind extrem grobkörnig.

Überbelichtete Fotos aus Bonn Beuel: 

Solche Fotos, die fast schon unlesbar schwarz aus dem Film herausstechen, habe ich hier gebleicht und anschließend erneut kürzer entwickelt. Quasi eine art improvisierter Pull-Entwicklung.

Gebleichte, neu entwickelte Fotos aus Bonn Beuel: 

Am Rheinufer in Bonn Beuel war ich mit verschiedenen bunten Folien unterwegs. Gelb, Rot, Grün und Blau…
Durch die Folien und mit weit geöffneter Blende sind weite Teile der Fotos nicht sehr scharf. Die Unschärfe in Kombination mit der heftigen Überbelichtung und der ungleichmäßigen Entwicklung nach dem Bleichen ergibt verstrahlte sommerliche Eindrücke. Wie verblassende Erinnerungen an einen etwas beschwipsten Sonnentag.

Gefilterte, überbelichtete, gebleichte und zweifach entwickelte Fotos vom Rheinufer in Bonn Beuel: 

Ein fotografischer Film ist unglaublich viel dynamischer, als man es digital in einem Foto ausdrücken kann. Selbst im schwarzen Schatten schlummern noch Formen – wenn man heller scannt. Im strahlend weißen Himmel dagegen sind bei dunklerer Belichtung plötzlich Wolken und Vögel.

Auf unserer Vernissage im Kult41 habe ich mit einem Ilford Delta 400 Film einfach normal aus der Hand fotografiert und den sehr unterbelichteten Film anschließend länger entwickelt, also „gepusht“.
In diesem Fall erkennt man trotzdem nicht viel mehr als ein paar Bilder an der Wand, den Hund und das letzte Glas Prosecco: 

Wenn Entwickler alt ist, muss man länger entwickeln. Ein bisschen Zauberkraft ist oft aber noch übrig. Diesmal war es sogar so viel, dass ich den mit nur 6-9 ISO extrem unempfindlichen ORWO DP31 einfach aus der Hand belichten konnte.

Mit altem Atomal gepushter 9 ISO Film – Das Hochwasser in Bonn am Rhein: 

Der gleiche Film (Orwo DP 31) an einem der ersten warmen sonnigen Frühlingstage.
Diesmal mit Caffenol C-L 70 Minuten bei 23 Grad standentwickelt: 

Durch digitale Verarbeitung kann man auch aus sehr unglücklichen Aufnahmen noch etwas rausholen und selbst der allerletzte Teststreifen oder ein missglückter Handabzug taugt zumindest vielleicht noch für eine Collage oder als Lesezeichen (Maximalprinzip).
Gleichzeitig wird man durch das Experiment auf jeden Fall ein Ergebnis erzielen und bei einer Auswahl von sagen wir mal 36 Fotos ist mit Sicherheit eines dabei, was der ursprünglichen Intention nahekommt und das gewünschte Ziel erreicht (Minimalprinzip).


Viele Scanner haben eine automatische, eingebaute Farbkorrektur. Auch wenn man seine Negative in den Fotoladen bringt, sehen die Abzüge je nach Laden teilweise sehr unterschiedlich aus.

Farbtest – Bild mit vielen verschiedenen Farben im Atelier

Aber wie ist denn nun das ehrliche, echte Bild? Was ist das Original?

Wir wollen Kunst am liebsten pur, rein und unverfälscht. Kein Zucker im Wein, kein Glutamat im Essen und kein Filter im Foto. Die Frage ist nur: Wo fängt das an und wo hört es auf? Allein im Spiel zwischen den drei oben genannten Hardware-Variablen kann ich sehr weit gehen.

Ziemlich ehrliche Farben findet man beim Diafilm. Da der Film positiv ist, kann man die Bilder zumindest einfach nachvollziehen. Mit meiner Zorki und dem sehr feinen Fuji Velvia 50 Film habe ich herbstliche Radrunden gedreht und versucht möglichst „echte“ Farben einzufangen.

Herbstfarben, Abendsonne und Langzeitbelichtungen auf diesen Dias vom Rhein und aus Bonn. Der Fuji Velvia 50 ist ein sehr feiner Film und wenn man ihn korrekt als Diafilm umkehrentwickelt, bekommt man knackige, schwarze Filmstreifen mit überaus brillanten Fotos: 

Außer den wunderschönen Farben sind auch die Kontraste im Diapositivfilm bemerkenswert. An einem sonnigen Wochenende Anfang November bin ich erneut mit einem Fuji Velvia 50 auf die Suche nach „echten“ Herbstfarben gegangen. Diesmal mit Helios 44 Objektiv auf einer alten Zenit 3M Spiegelreflexkamera. 

Auf Fotos mit dem Fujicolor Industrial 100 Film fand ich besonders die Rot- und Grüntöne interessant. Außerdem wirkten alle Farben seltsam kühl. 
Bei einem Spaziergang mit der Zorki durch die Stadt habe ich hier versucht möglichst viele bunte Dinge zu fotografieren. In frischer Chemie und ganz nach Standard entwickelt. 

Alle Fotos, auch wenn sie versuchen nah an die Wirklichkeit zu kommen, sind immer Abstraktionen. Sei es im Schatten oder im Licht, seien es stürzende Linien oder der Winkel des Objektivs… Es ist immer nur ein Ausschnitt, es ist immer anders und immer nur ein Teil des Ganzen.
Als Fotograf muss man sich entscheiden. Das Foto isoliert, wählt und grenzt dabei immer auch vieles aus. Gerade die Reduktion, der Fokus, die Unschärfen, Komposition und kleine Details machen den Reiz einer Fotografie aus.

Für ein Foto treffen ganz bestimmte Bedingungen in einem kurzen Moment zusammen. Im nächsten Moment kann alles schon ganz anders sein, und während wir uns immer weiter in der Gegenwart erleben, werden die Fotos mit der Zeit immer mehr Erinnerungen.

Um zu schauen wie sich die Kiev 4 mit Jupiter 8 Objektiv im Alltag behauptet, habe ich einen ganz normalen, neuen Kodak Portra Film genommen und diesen anschließend ordentlich, nach Rezept in frischer Chemie entwickelt:

Wie gutmütig Farbchemie sein kann, dachte ich ein Jahr später. Der gleiche Film, die gleiche Jahreszeit… Diesmal mit der Zorki.

Hier ein paar Eindrücke auf Kodak Portra Farbfilm mit dem Jupiter 8 Objektiv. Bei 38 Grad selbstentwickelt mit ein Jahr alter, in halb vollen Flaschen gelagerter Tetenal-C41 Chemie… 


Eine meiner ersten Kameras war eine Kodak Klappkamera. Im Studium habe ich einmal eine Runde mit diesem antiken Gerät gedreht und unser Wohnheim, das Schloss in Alfter fotografiert. 
14 Jahre später fand ich das belichtete Film-Röllchen in einer alten Schachtel und habe es im Atelier selbst entwickelt.
Weil ich keinen Einsatz für 120er Rollfilme habe, habe ich mir aus einer LED-Lampe einen Durchlicht-Aufsatz gebastelt und die Negative im Epson Scanner eingelesen. 

Nachdem die Klappkamera viele Jahre lang nur Dekoobjekt war, klemmte der Verschluss immer öfter. Irgendwann war es mir ehrlich gesagt zu dumm und zu schade um das Filmmaterial. So habe ich sie verschenkt.

Die Kirschblüte in Bonn auf 120er Rollfilm. Die letzten richtigen Fotos meiner antiken Kodak Klappkamera: 


Mit der LOMO Lubitel 166 von einem Freund und vor 16 Jahren abgelaufenen Film habe ich einen „geschenkten Spaziergang“ gemacht – wo alles umsonst ist und wo man nicht genau weiß, was passiert… Da es eine Mittelformat Kamera ist, bekomme ich mit meinem Scanner theoretisch sagenhafte 100 Megapixel! Praktisch ist das Objektiv nicht so scharf und verzerrt gerade die Ränder sehr. Dennoch war ich von der Auflösung ziemlich beeindruckt. Und das trotz uraltem 400 ISO Film…

Alter, abgelaufener Mittelformat-Film mit Caffenol entwickelt: 

Später habe ich mit der LOMO Lubitel 166 Doppelbelichtungs-Experimente gemacht. Das geht sehr gut – man dreht einfach den Film nicht auf, sondern knipst munter immer weiter…
Bei sehr kleiner Blendenöffnung habe ich so teilweise 7 Fotos vom immer selben Motiv gemacht. So wollte ich Bewegung festhalten… Tja. Obwohl die meisten dieser Fotos letztendlich doch zu sehr verwackelt sind, haben sich zum Glück auch sehr malerische Effekte ergeben.

Mehrfache Belichtungen mit LOMO Mittelformat-Kamera: 


Vor genau 30 Jahren ist dieser Fomapan F17 Film abgelaufen, den mir eine Freundin aus Tschechien mitgebracht hat. Im Beipackzettel waren handschriftliche Notizen, was ich irgendwie sehr rührend fand. Irgendjemand muss sich da früher viel Mühe gemacht haben und hat in allen Filmschachteln etwas korrigiert.

Diana F Plastikkamera und im Jahr 1991 abgelaufener Fomapan F17

An einem milden Herbstabend bin ich mit einer Diana-F-Plastikkamera nach Wesseling geradelt und habe ihn verknipst. Es wurde schon dunkel. Meine Belichtungszeiten waren immer so: 21…22…23…24…25… usw.  bis ich das Gefühl hatte, das genügend Zeit vergangen sein könnte.

Das Gute an der Caffenol Standentwicklung ist, dass sich der Film nimmt, was er braucht. Es ist ein sehr ausgleichendes Entwickeln über 70 Minuten bei 20 Grad in Caffenol C-L. Letztendlich sind es so viele Variablen: Ich hatte keine Ahnung, wie der Film gelagert war, die Belichtungszeit, die Stärke des Espressos – weil mein Instantkaffee alle war, habe ich selber gebrüht…
Nur bei der Temperatur bin ich inzwischen immer pingeliger geworden, weil zu heißes Caffenol wirklich fiese krisselige Überentwicklungen machen kann.

Im Vergleich zum zögerlich-knurpselnden Klappern der Mittelformatkameras, ist das laute Schnappen der Zorki-4K eine wahre Freude. Der Verschluss von meiner Zorki knallt jedenfalls so resolut zu, wie eine russische U-Bahntüre. «Осторожно, двери закрываются!»

Eine Kamera liebt man einfach – oder man lässt es bleiben. Ich liebe meine Zorki sehr. Ich mag das laute Schnappen des Verschlusses, ihren Geruch, den großen hellen Sucher. Ich finde sie auch sehr hübsch… Dagegen hat es meine Kiev 4 nicht so leicht. In Kombination mit dem Jupiter 8 Objektiv ist die Kiev eine feine Kamera: Viel leiser als die Zorki und präziser scharf zu stellen. Allerdings ist der Sucher auch viel kleiner. Das Design ist schön, klassisch und sogar mit Belichtungsmesser; trotzdem mag ich sie nicht so gerne.
Dass diese Sympathien und Antipathien wirklich nur Geschmacksache sind, wollte ich in einem Test überprüfen. Für beide Kameras habe ich glücklicherweise das gleiche Objektiv, ein Jupiter-12 mit 35 mm Brennweite.

Der ultimative Battle: Zorki vs. Kiev! Zweimal das gleiche Objektiv (Jupiter 12), zweimal der gleiche Film (Kodak Gold) und beide gleichzeitig im selben Döschen entwickelt. Immer das gleiche Motiv, immer die gleiche Blende/Zeit.
Oben sind die Fotos der Kiev, 
unten die Fotos der Zorki: 

Manchmal denke ich, Kameras sind ein bisschen wie Haustiere. Und so geht es mir dann auch mit der Kiev. Sie braucht mal wieder frische Luft, Sonne und Bewegung. Nicht dass sie noch einrostet und Fungus bekommt … So versuche ich alle meine Kameras hin und wieder auszuführen. Über die Jahre hat die Kiev-4 ein Lichtleck rechts oben an der Seite bekommen. Dort, wo der Film aufgerollt wird. Das habe ich bemerkt, weil alle Fotos an exakt derselben Stelle von einer Lichtgestalt heimgesucht wurden, im letzten Foto jedoch alles gut war. Manchmal passt es ganz schön dazu. Trotzdem werde ich sie wohl bald reparieren.

An einem der ersten sonnigen Frühlingstage mit der Kiev-4 am Rhein. Der ADOX CHS 100 II in ADOX FX-39 bei 1:19 Verdünnung für 14 Minuten bei 20° entwickelt.

Aus fast allen gefundenen Dingen kann man mit etwas Aufwand immer etwas Eigenes machen und gerade aus dem technischen Widerstand und der Eigenart des Materials ergeben sich oftmals neue interessante Lösungen. So kann auch ein Light Leak als Kompositionselement dienen und dem Bild eine weitere Ebene zufügen.
Zusammenhänge erkennen, auswählen, gruppieren und in einen anderen Kontext setzten: Das sind alles auch ästhetische Vorgänge. Es ist schön, wenn man versucht, Dinge oder Fotos zu retten und das beste aus etwas machen kann.


Das Jupiter 9 Objektiv ist eigentlich wunderschön und sehr lichtstark. Dumm nur, wenn man es auseinander baut.

Alles was schief gehen kann: Kaputter Vorhang der Zorki und falsch zusammengeschraubtes Objektiv. Das komplette Loser Team! 

Es hat mich mehrere Tage und viele Nerven gekostet alles wieder exakt zusammen zu bekommen. Hier der erste unscharfe Film aus der Versuchsphase. Kodak TRI-X 400 an einem Sonntag während der Corona-Zeit.

Um die Fehlfokussierung von meinem Jupiter 9 Objektiv zu korrigieren, habe ich mehrere Filme verbraucht und ein paar Tage immer wieder geschraubt, neue Abstandsringe eingesetzt und ausgetauscht.

Die Objektiv Kalibrierung (Kollimation) ist eine kniffelige Arbeit und bereits ein halber Millimeter verschiebt den Fokuspunkt bei Blende 2 um mehrere Zentimeter.
Vermutlich würde das ganze mit einer Digitalkamera und M39 Adapter (Leica-Mount) leichter gehen, dann kann man es quasi live machen… Ich habe mir zunächst für die grobe erste Richtung ein Ölpapier gebastelt und an die Rückseite der Zorki geklebt.

Wichtig ist, dass das Objektiv auch bei Blende 2 so scharf stellt, wie es anzeigt:

1,15 | 1,3 | 1,5 | 1,8 | 2 | 2,2 |  2,5 | 3 | 3,5 | 4 | 5 | 6 | 8 | 12 | 25 | ∞

Anschließend muss man noch den Sucher der Zorki entsprechend fein justieren und dabei sowohl die Unendlichkeit wie auch den nächsten Punkt bei 1,15 Metern mit dem Objektiv abgleichen. Ohne verschiedene Anleitungen aus dem Internet wäre ich völlig hilflos gewesen.

Gute Anleitungen und Hilfe für das Jupiter 9 Objektiv findet man hier: http://pentax-manuals.com/repairs.htm

Mit dem ORWO LF10 habe ich die ersten scharfen Fotos meines neu eingestellten Objektivs machen können. Ein Sonntagsspaziergang durch die Bonner Altstadt. Alle Fotos waren mit maximal weit geöffneter Blende 2.0, weil der Film nur 6 ISO hat. Entwickelt in Caffenol:

Die Zorki 4K ist tatsächlich ein feinmechanisches Meisterwerk. Man sollte sie nicht einfach so aufschrauben. Um den Sucher richtig zu justieren, musste ich ausnahmsweise allerdings den Deckel abnehmen. Der kleine Hebel mit der winzigen Messingschraube, wo man den Sucher normalerweise von vorne einstellen kann, war leider verklemmt.
Beim Abnehmen des Deckels der Zorki 4K ist es sehr wichtig, vorher die Feder des Aufzieh-Hebels mit einer Nadel zu fixieren! Das muss man machen, bevor man die drei kleinen Schrauben löst, welche sich unter der Zählscheibe verbergen.

Um das Scharfstellen auszuprobieren, hab ich im Botanischen Garten auf Kodak T-Max 100 Film mit der Zorki und dem Jupiter 9 Objektiv Magnolien und Bäume fotografiert. Entwickelt mit meinem feinen Caffenol C-L Rezept: 

Alte Kameras und alte Objektive lassen einem keine Ruhe: Einerseits sind sie feinmechanische Wunder, andererseits sind sie eben auch zickig und machen nicht immer alles so, wie man es erwarten würde. So ganz traute ich meinen Einstellungen irgendwie nicht. Beispielsweise wundere ich mich, warum man bei der Zorki nicht so einfach die Objektive wechseln kann… Für jedes unterschiedliche Objektiv (z.B. Jupiter 9, Jupiter 8, Jupiter 12 usw.) muss man jeweils das Sucherbild im Sucher der Kamera neu einstellen. Deswegen ist es auch sinnvoll für jedes Objektiv eine eigene Zorki zu haben – obwohl ich mir damit zugegebenermaßen ein bisschen versnobt vorkomme.

Als Praxistest für den Fokus bin ich schließlich Anfang März eine Woche lang mit der Zorki und dem Jupiter 9 Objektiv spazieren gegangen und habe die ersten blühenden Bäume in meiner Nachbarschaft fotografiert. Auf Ilford Delta 100 Film, entwickelt mit Caffenol: 


Manche kennen vielleicht die Rodenstock-Imagon-Objektive mit austauschbaren Siebblenden. So ein hochwertiges Objektiv habe ich nun nicht. Den Effekt wollte ich aber trotzdem auch einmal ausprobieren und habe mir aus Pappe kleine austauschbare Siebblenden in verschiedenen Formen für das Helios-44 Objektiv gebastelt.

Siebblenden und Muster für meine Bokeh-Studie ausschneiden

Erste kleine Bokeh-Studien mit der Zenit 3M. Mit selbstgebastelten Siebblenden habe ich Sternchen, Peace-Zeichen und allerlei mehr oder weniger passende Formen in den unscharfen Bereich dieser Fotos „gezaubert“. Es war ein erster Versuch. Die meisten Fotos sind heftig überbelichtet. Aber ein paar sind auch geglückt: