Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen. 

In der Kunst geht es am Ende immer auch um den Menschen. Dabei ist es manchmal jedoch gar nicht so einfach, die Menschen zu mögen. Für viele Probleme kann man die Menschheit verantwortlich machen. Allein die Umweltprobleme: Plastik im Meer, Artensterben, Klimawandel… Trotzdem ist die Menschenliebe für Künstlerinnen oder Künstler ein sehr wirksamer Antrieb und viele Arbeiten drehen sich um den Zweck des Menschseins oder das Verhältnis des Menschen zur Welt. 

Besonders in schwierigen Zeiten ist es wichtig, die Menschen gern zu haben. Dabei hilft, wenn man sich klar macht, dass viele unserer globalen Probleme in Wirklichkeit nicht von einzelnen Menschen gemacht sind, sondern in der Form ihres Zusammenlebens gründen. Tatsächlich sind nur selten einzelne Menschen schuld. Unsere Probleme sind vielmehr Probleme der Gesellschaftsform: Es sind wirtschaftliche und politische Probleme, aber keine Probleme des Menschen an sich. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung einer Gesellschaft, beispielsweise gegenüber der Geschichte und gegenüber gemeinsamen Idealen und Werten. Jedoch alle Menschen pauschal verantwortlich zu machen ist insbesondere auch deshalb unfair, weil die meisten Menschen mit den aktuellen Zuständen der herrschenden Elite, korrupten Politikern oder Militärdiktaturen absolut nicht einverstanden sind. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es wäre zynisch, wenn man sie für die Situation in ihrer Heimat verantwortlich machte. Auch lebt beispielsweise die Hälfte der Menschen in armen Verhältnissen (48,4 % der Weltbevölkerung lebten 2013 von weniger als 5,50 Dollar am Tag) und hat überhaupt nicht genug Geld, um exzessiv zu konsumieren und viele Ressourcen zu verbrauchen. Die Menschen sind also nicht das Problem, sondern die Gesellschaftsform und sehr wenige einzelne Privilegierte, die unverhältnismäßig davon profitieren. 

Wenn man für sich einen Weg gefunden hat und die Menschen prinzipiell mag, wird man vieles im Leben reicher und interessanter erleben. Vor allem ist es spannend, Brücken zwischen der Welt und sich selber herzustellen. Im Leben kann man viele Parallelen entdecken und die äußere Welt mit dem eigenen Leben verknüpfen. Und genau an dieser Stelle kommt die Kunst ins Spiel. So wie Erinnerungen und Phantasie in die Vergangenheit und in die Zukunft führen, ist es auch mit der Kunst.  Die Verknüpfungen zwischen der Kunst und uns sind nicht nur ein Spiel zwischen Innen und Außen. Dabei ist immer auch eine zeitliche Dimension vorhanden.
Um bei den vielen Veränderungen im Leben zu wissen, ob der Weg, auf dem wir uns befinden, der Richtige ist, müssen wir versuchen, ihn innerlich nachzuvollziehen.
Für Kraft, Mut und Motivation, um eine innerliche Brücke in die kommende Zeit zu bauen und in die uns noch unbekannte Zukunft hinein zu fühlen, kann Kunst helfen.

o.T. Aquarell, offene Form, 31×41 cm

Kunst kann, wenn wir uns auf sie einlassen, ein weiteres Angebot für die Bewältigung persönlicher Entwicklungsaufgaben sein. 

Jedoch: Nur offene Kunstsysteme können in diesem Sinne eine Entscheidungshilfe sein. Ich muss ja irgendwo andocken können. Kitsch und rein dekorative Kunst führen nicht weiter, sondern lassen einen im Gegenteil verstärkt distanziert zurück. Nicht alles Wirken und nicht jeder kreative Erguss ist relevant. Was für einen selbst wesentliche und bedeutsame Kunst ist, muss man auch selber filtern können. Wie, das habe ich z. B. versucht in meinem Beitrag über das Interessante etwas näher zu beschreiben.

„Der offene Kunstbegriff sieht das kennzeichnende Merkmal einer künstlerischen Äußerung darin, dass es wegen der Mannigfaltigkeit ihres Aussagegehalts möglich ist, der Darstellung im Wege einer fortgesetzten Interpretation immer weiterreichende Bedeutungen zu entnehmen, sodass sich eine praktische, unerschöpfliche, vielstufige Informationsvermittlung ergibt.“ – Definition vom Bundesverfassungsgericht

Um einen visionären Moment mit Kunst zu erleben, ist die eigene Interpretation und der persönliche Bezugspunkt in die Kunst wichtig. Zunächst geht es darum, dass ich irgendwo am Kunstwerk andocken kann. Was für mich und mein Leben richtig oder falsch ist, beurteile ich mit ästhetischen Maßstäben. Richtig und falsch sind ästhetische Prinzipien, die uns überall leiten, und es sind dieselben Richtlinien, die auch im Umgang mit Kunstwerken angewandt werden.

Linienzeichnung, Fineliner auf Papier, 76 x 56 cm

Zum Erschließen der eigenen Zukunft hilft dann ein sich daraus entwickelnder innerer Dialog. Es ist wie ein innerer Klang, der entstehen kann. Ein Akkord aus Erfahrungen, Gefühlen, Intuition und Wissen. Was könnte passieren? Was würde ich machen? Was bedeutet das für mich? 

Aus der gewonnenen Erfahrung oder Vision kann ein Gefühl von Stärke und Sicherheit wachsen. Die Zukunft wird zu einem Ort, an dem man zumindest innerlich schon einmal war. 

„Es muss mehr in der Kunst stecken als ein kreativer Akt. Es muss auch ein Ich geben, dass dauerhaft betroffen ist.“ – Noah Purifoy

Ein Kunstwerk bringt eine Haltung mit sich, hat eine Meinung und deswegen auch eine gewisse Spannung und Kraft, um sich vom normalen Geschehen abzusetzen und von der gegenwärtigen Welt zu distanzieren.
Kunst ist nicht einfach nur Dokumentation. Kunst ist auch nicht das unmittelbare Leben. Nur weil sie frei von Künstlerinnen und Künstlern geschöpft wurde, kann man sie anschließend auch frei erkunden. Weil die Kunstschaffenden frei waren, kann auch die folgende Interpretation und das Betrachten freien eigenen Regeln folgen. Das ist ein anderer Anspruch als z. B. in der Wissenschaft.

Aquarell mit weißen Punkten und Tusche, 30×23 cm

Als Beispiel, wie Kunst in unser Leben tritt, kann man ein Kunsterlebnis gut mit einer Reise vergleichen. Kunst und Reisen sind inspirierend und letztendlich für jeden Einzelnen immer auch individuell und verschieden. Beide wecken beispielsweise das Gefühl, neu anzufangen. Man geht weg und erlebt etwas Neues. Damit sind Hoffnungen und Wünsche verbunden. Was man sich zu finden erhofft, möchte man später gerne als Teil für den Neuanfang, für das Kommende, für zukünftige Vorhaben oder das eigene große Projekt mitnehmen. Kunst ist nicht sinnlos, wenn man sie hoffend verstehen kann. Durch das Hoffen, Träumen und Ersehnen bekommen Ideen frische Kraft und Energie. So können wir die Bezüge zum eigenen Leben knüpfen.

Die Zuneigung, dass wir uns öffnen und schließlich etwas lieb gewinnen, entsteht auch aus der Hoffnung. Wünsche und Träume sind unsere persönlichen Bedürfnisse und wenn wir hoffen können, dass sie sich erfüllen werden, entsteht daraus die Motivation, das Richtige zu tun. 

Orakulum: Entscheidungshilfen, die keine einfache Antwort geben. Was sagt die Nuss? Das drehen an einer Scheibe Nussholz lässt feinst polierte Birken- und Eichenhölzer kreisen. Auch das Drehholz wird eher freilassend Ja/Nein oder beides gleichzeitig antworten.
Fragen kann man für sich selbst, für den anderen oder für Wir/Ihr/Wirr. Mit einem geflochtenen Kupferdraht können Antworten gespeichert und verbunden werden.  

Wenn wir uns ein Bild ansehen und etwas darin entdecken, eröffnet sich aus dieser Erscheinung gleichzeitig ein persönliches Verständnis. Wir erfahren etwas, erleben es und damit wird in uns der Keim für eine Möglichkeit gelegt. 

Das Bild zeigt nicht nur einfach ein Motiv, welches von allen Menschen wieder gleich abgerufen werden kann. Ein Bild, wenn es ein offenes künstlerisches System ist, ermöglicht durch seine eigentümliche Intersubjektivität und dadurch, dass es uns als Betrachtende gibt, die sich darauf einlassen und es interpretieren, auch eine Transformation und letztendlich auch Neues.
Durch die Interpretation, die Betrachterin oder den Betrachter wird es zu einem zeitgenössischen, frischen und neuen Werk und kann seine Wirkung weitertragen. 

o.T. (2021) oder „Ein junges Bild“ Öl auf Holz, 90×63 cm

Kunstbetrachtung und ihre persönliche Interpretation heißt auch, die aufkommenden Bilder klingen zu lassen. Man holt alle Eindrücke zusammen auf die innere Bühne und gibt ihnen einen kleinen Freiraum. So kann man erleben, wie sich die eigene Resonanz  herauskristallisiert. Aus den künstlerischen Eindrücken, eigenen Gedanken und Gefühlen formen sich innere Bilder. Und gerade in offenen Systemen sind das für den Einzelnen individuell besonders gut greifbare Bilder. Und man kann ein Gefühl dazu entwickeln – nur selten erlebt man sich selber im Prozess der Weltanverwandlung so differenziert und persönlich betroffen wie in der Kunst. Dabei kann man Möglichkeiten auch wieder verwerfen oder nach belieben ausschmücken und immer weiter träumen. Wer wir sind, wo wir stehen und wie es mit uns weiter gehen könnte, wird durch die Kunst ein bisschen klarer. 

Warme – und kühle Streifen, Frühlingsbild. Aquarell, 31×41 cm

Aus der eigenen Interpretation kann eine neue Möglichkeit entstehen. Unser Erfahrungshorizont wird durch das künstlerische Erleben, das innerliche Vorwegnehmen und interpretieren erweitert und ein noch unbekannter Moment wird greifbar.
Die Zukunft ist nicht anders als die Gegenwart, sondern nur ihre Fortsetzung. Man kann sie intuitiv ein stückweit erleben, beginnt sie sich vorzustellen und vielleicht ermöglicht sich uns schließlich sogar gerade erst durch diesen Vorgang, durch das Vorformen des zukünftigen Moments, die folgende kommende Entwicklung. Auf jeden Fall muss die für uns richtige Entwicklung geschaffen werden – sonst wären wir ja ohnmächtig in die Zukunft geworfen und hätten keine Chancen, irgendetwas mitzugestalten. 

Aquarell und weiße Tusche auf Papier, 30×23 cm

Wer die Welt unreflektiert zeigt, akzeptiert sie so, wie sie ist. Wenn ich aber nicht mit allem einverstanden bin, kann ich aus der Wirklichkeit meine eigene Geschichte machen. In diesem Sinne ist die Kunst immer auch ein bisschen Avantgarde, auch wenn der Begriff, ähnlich wie das „Revolutionäre“ inzwischen etwas abgedroschen ist. 

Weil alle Menschen Teil der Wirklichkeit sind, sind wir auch alle produktiv, schöpferisch an der Welt beteiligt. Zu glauben, dass die Wirklichkeit von unserem Bewusstsein nur abgebildet wird, ist nicht ausreichend und wird unserer Verantwortung, die Welt mitzugestalten, auch nicht gerecht.
Beobachte ich die Welt, sehe ich auch immer mich selbst darin und erlebe meine eigene Wirksamkeit. Eine rein objektive Betrachtung der Welt ist schwierig, weil es außerhalb des eigenen Bewusstseins auch keine klare Grenze zwischen mir und der Welt gibt. Letztendlich ist es egal, ob ich sie abscheulich finde oder umarmen möchte: Als Mensch bin ich ein fester Teil der Welt und gebe ihr meine eigene, ganz persönlich gefärbte Note. 

Linien und Aquarell in Farbvariationen, 31×41 cm

Betrachte ich nun aber Kunst, ist das eine andere Welt. Kunst ist ein fremder Raum, in dem ich mich erleben und neu orientieren kann. Aber es ist ein offener Raum, eine Welt mit anderen Regeln. Kunst ist zwar auch ein Teil der Welt, aber ein bisschen auch nicht. Kunst steht ein bisschen daneben. 

„Die Welt braucht nicht nur mehr Künstler, es macht auch einfach Riesenspaß.“  – Chick Corea

Wenn man einmal angefangen hat, sich durch eigenen künstlerischen Ausdruck einen erweiterten Erlebnisbereich aufzubauen, ist die Welt reicher und voller. Schönes kann intensiver erlebt werden, Glück und ein großes Gefühl der Dankbarkeit äußern sich viel öfter und auch Begegnungen mit anderen Menschen bekommen einen weiteren funkelnden Horizont.
Auch für die meisten Probleme ergibt sich ein angemessener Umgang. Vielleicht findet sich nicht immer eine einfache, konkrete Lösung. Aber durch die schöpferische, offene Sprache der Kunst und durch die vielen Bezüge und neuen Verknüpfungen kann ein Problem individuell fokussiert werden. Wenn man Themen umfassend und offen darstellt und auch einen anderen spielerischen Blickwinkel dazu einnimmt, ergeben sich daraus auch neue Möglichkeiten und Wege. Metaphorisch ausgedrückt, könnte man ein offenes Kunstwerk mit einem Dietrich vergleichen, der mit ein bisschen üben und hin und her schieben, schließlich alle Türen öffnet.
Durch die Kunst können die Menschen erleben, wie sie mit der Welt umgehen und wie sie neue Herausforderungen meistern würden.

Offene Systeme mit Malerei und Zeichnung. Aquarell und Tusche auf Papier, 76 x 56 cm