Oben auf dem Gipfel, Gegenlicht

Wie Künstlerinnen und Künstler in Zukunft glücklich und effektiv arbeiten können. Mein Portfolio-Konzept.

Künstlerische Positionen bieten eigene Blickwinkel auf aktuelle Fragestellungen. Ob Gesellschaft, Umwelt oder wirtschaftliche Fragen… Kunstschaffende entwickeln auf kreativen Wegen eigene Positionen zu einer großen Vielzahl von Themen. Oft sind das Themen, die auch für andere interessant sein können. Beispielsweise für ein interessiertes, aber eher kunstfernes Publikum, aber auch für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. 

Ich habe in diesem Zusammenhang zwei Felder ausgemacht, die ich verbessern möchte und zu denen ich mir an dieser Stelle Gedanken machen möchte:

Zunächst ist die Vermittlung der künstlerischen Arbeit problematisch. Der hinterfragende, suchende Ansatz von vielen Kunstschaffenden lässt sich oft nicht kurz und einfach darstellen. Beispielsweise sind soziale Medien wie Twitter, Facebook oder ein Video bei Youtube eine sehr gute Möglichkeit, um gesehen zu werden. Die Aufmerksamkeitsspanne ist dort aber eher kurz und wird der komplexen Thematik und der gewünschten Tiefe und Betroffenheit der künstlerischen Position selten gerecht. Eine Folge ist, dass viele Themen nur vereinfacht dargestellt werden. Die Sozialen Medien sind zunächst vielleicht kurz von Vorteil, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Langfristig sind sie aber ungünstig, wenn nichts weiter kommt bzw. wenn der nötige Hintergrund fehlt. 

Ein Portfolio ist normalerweise eine Sammelmappe. Nur die besten Arbeiten werden zusammengefasst. Aber welche Arbeiten sind die besten? Im Rahmen dieses Beitrags über Portfolios zeige ich ausschließlich mit Kaffee (Caffenol) selbstentwickelte Fotos.
Es ist eine strikte Auswahl nur der Bilder, welche im letzten Jahr am meisten „Likes“ bekommen haben. Es sind vielleicht nicht meine besten Fotos, aber ganz klar meine beliebtesten. 

Im Februar bin ich durch Indien gereist. Meine Filme habe ich direkt vor Ort selber im Hotelzimmer oder in der Strandhütte mit Kaffee entwickelt. Die ganze Geschichte mit vielen hundert Fotos zeige ich in meinem Beitrag: Licht und Kaffee. Analoge Fotos aus Indien

Sieht man nur das Ergebnis eines Prozesses, ist die Wahrheit oft nicht so klar und eindringlich, wie wenn man auch den dahin führenden Diskurs mit überblicken kann. 

Die zweite Schwierigkeit liegt im Bereich der Art des künstlerischen Arbeitens selbst. Kunstschaffende arbeiten heute oft nur projektweise. Jedes Projekt hat jedoch einen Anfang und auch ein Ende, auf das oft nicht nur eine finanzielle Dürreperiode, sondern auch ein schwermütiges Motivationstief folgt. Dabei hätten die meisten aber viel mehr mitzuteilen, als sie im zeitlichen Rahmen des Projektes ausdrücken konnten. Wie können sie sich motivieren, wie können sie immer weiter machen und woher nehmen sie ihre Inspiration? Im Prinzip können wir bei allen Künstlerinnen und Künstlern eine rote Linie entdecken. Es gibt immer einen Faden, der sich thematisch durch jedes Œuvre zieht. 

Experimentelle Fotos aus Bonn. Mehr über die technischen Hintergründe, Rezepte und sehr viel mehr Fotos zeige ich kontinuierlich in meinem Portfolio Bon(n) Expérimental. 

Die künstlerische Wirklichkeit ist in Wirklichkeit kein Projekt und durch das vorgegebene abrupte Ende können viele Ideen nicht ihr volles Potenzial und die maximale Strahlkraft entfalten. Viel Potenzial verpufft und geht verloren. Gleichzeitig ist aber der öffentliche Druck, der mit dem Ende eines Projektes einhergeht, manchmal auch sehr wichtig. Druck hilft um einzelne Positionen fertigzustellen, um „noch einmal alles geben“ und um die eigene Arbeit abzugrenzen. Die Arbeit in Projekten hat also Vor- und Nachteile.

Altrheinarm. Der obere Teil des Fotos ist aus versehen weniger stark entwickelt. So wirkt der Himmel dramatischer und ich habe unfreiwillig ein analoges HDR-Foto geschaffen.

Mein Lösungsvorschlag verbindet die beiden Themenfelder und ist ein multimedialer Ansatz. Dafür habe ich den Arbeitstitel „Portfolio“ gewählt. Auf meiner Webseite erstelle ich beispielsweise schon seit einigen Jahren regelmäßig solche eigenen künstlerischen Portfolios zu verschiedenen Themen: Zum Wald, über das Unterwegssein, ich sammele abstrakte Fotos, Blumenbilder und analoge Filmexperimente. Meine persönlichen Portfolios beinhalten dabei beispielsweise überwiegend Fotos, Texte und Malerei. Aber auch ganz andere Formen wären denkbar: Podcasts, Videos, Lyrik, Klänge und Geräusche… 

„Das Zauberwort für einen erfolgreichen Portfolio-Aufbau lautet Diversifikation.“ – boerse.de

Mit meinem Konzept der multimedialen Portfolios möchte ich nicht nur meine eigene Präsentationsmethode auf dieser Webseite reflektieren. Mein Wunsch ist es, einen neuen Arbeitsansatz zu entwickeln. Ich möchte sowohl die Praxis der künstlerischen Arbeit wie auch die Vermittlung der Kunst, um eine Methode, um einen möglichen neuen Weg erweitern. 

„Es geht nicht nur darum, besser zu sein. Es geht darum, anders zu sein. Du mußt den Menschen einen Grund geben, sich für Dein Unternehmen zu entscheiden.“ – Tom Abbott 

Wie sieht so ein Portfolio aus?

Ein Portfolio ist eine Sammlung mit künstlerischen Positionen zu einem ganz bestimmten Thema. Beispielsweise Zeichnungen, poetische Zitate, Fotos, Malerei, Videos etc.

Ein Versuch feine Fotos mit sehr langsamer Film-Entwicklung zu machen. Unter dem Motto „Urlaub daheim, mit dem Fahrrad am Rhein“ bin ich immer weiter nach Süden geradelt. 

Portfolios werden veröffentlicht, sind aber nie wirklich fertig. Sie sind thematische Forschungsaufträge und immer wenn neue Gedanken, Fotos, Zitate, Bilder oder sonstige Positionen dazu passen, wachsen sie weiter. In regelmäßiger Durchsicht werden sie umsortiert, neu gegliedert und manchmal fliegen auch alte, überholte Positionen wieder raus. 

Street Photography in Paris. Im Sommer habe ich viele Fotos in Paris gemacht. Besonders interessant fand ich dabei die Menschen. Eine Auswahl mit mehr Fotos ist in meinem Beitrag: Straßenfotografie in Paris

Meine Portfolios als Rahmen des künstlerischen Schaffens erheben für sich nicht den Anspruch, journalistisch zu informieren. Sie sind einzig ihrer eigenen Wahrheit verpflichtet, die sie mit ihren spezifischen Mitteln einkreisen und immer weiter herausarbeiten. Eine Wahrheit im Sinne von richtig und falsch werden sie vielleicht nicht erlangen. Dafür zeigen sie aber einen Weg auf. Sie führen uns, sie hinterfragen, werfen einen Augenmerk auf etwas Bestimmtes, zeigen auf, klagen an, zweifeln und begeben sich mit uns gemeinsam auf die Suche. Das Publikum wird vielleicht erkennen, dass es zwischen zwei extremen Positionen auch eine Mitte gibt.

Spätsommerliches Wochenende in Hamburg mit körnigen, aber sehr charmanten ORWO-Filmen. 

Ein künstlerisches Portfolio hat sicher eine andere Methode, als wir es im wissenschaftlichen Kontext kennen. Persönlich, subjektiv gefärbt, originell ausgedacht… Aber was ist schon Wahrheit? Aktuell wird immer wieder erschreckend klar, zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Klimawandel, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis keine entscheidende Rolle spielen. Politiker schaffen sich ihre eigenen, alternativen Fakten. Die Wirtschaft findet zu jedem Gesetz irgendein neues Schlupfloch, und jeder Stammtisch hat zu guter Letzt noch mal eine ganz andere Meinung dazu. Ich denke, das können Künstler sicherlich genau so geschmeidig und vermutlich wird es dann sogar noch schöner und auf jeden Fall interessanter.

„Hör auf am Lebenslauf zu arbeiten. Starte den Aufbau eines Portfolios.“ – Dhiyavasu Bhadauria

Kunstschaffende können in Zukunft in diesem Sinne ihre Aufgabe viel weiter gefasst verstehen. Sie arbeiten einerseits mehrgleisig und haben immer viele „Eisen im Feuer“. Andererseits arbeiten sie tief und langfristig sehr umfangreich und können dadurch ein Themenfeld breit abstecken. Ihr Ziel ist zukünftig nicht mehr nur das einzelne Werk, eine Ausstellung und ggf. ein Katalog. Ein Portfolio in meiner Lesart kann man viel eher als ein digitales Künstlerbuch verstehen. Arbeit und Dokumentation werden zukünftig viel enger verzahnt. Meine Idee für die Kunst in Zukunft sieht multimediale Portfolios als wachsende, vernetzte, sich entwickelnde große Gesamt-Positionen. Portfolios sind eine Fortführung des Projektes. Ich möchte Kunstschaffende in einem erweiterten Kontext auch als Forscher, Wissenschaftler, Kuratoren, Kritiker und Redakteure verstehen. 

Spielende Koi in den Japanischen Gärten. Diese Fotos habe ich mit einem selbst erfundenen Caffenol Rezept entwickelt, welches statt mit Vitamin C komplett nur mit Grüntee und Kaffee auskommt. 

Kulturelle Institutionen könnten in Zukunft in diesem Sinne unter ihrem Dach viele solcher Portfolios vereinen, neue Portfolios beauftragen und immer tieferes und umfassenderes Wissen ansammeln. 

Stiftungen vermögen entsprechend ihrer Satzung die Patenschaft für passende Portfolios zu übernehmen und fördern dadurch gezielt frische Positionen. 

Ausstellungsräume werden in Zukunft eher eine Art „Situation Room“ und geben aktuelle Einblicke in momentan stattfindende Prozesse. 

Kuratoren werden mit ihren Ausstellungsbudgets eigene Aufträge an Kunstschaffende vergeben können, die anschießend auf ihren Gebieten weitere Forschungen unternehmen und damit an Portfolios anknüpfen oder neue Portfolios erstellen. Wie in einem Magazin können verschiedene Positionen von Kuratoren zu einem Thema gebündelt werden, die Darstellungsform unterscheidet sich aber und geht weit über den Anspruch eines Magazins hinaus. Sponsoren können sehr viel gezielter angesprochen werden und die inhaltliche Verantwortung wird gestreut: Innerhalb eines Portfolios können auch ganz unterschiedliche Positionen vertreten sein. So kann der Problematik der Cancel Culture in brisanten thematischen Umfeldern begegnet werden. 

Besucherinnen und Besucher schaffen sich schließlich einen Überblick über bisher gesammelte Erkenntnisse. Sie können in sozialen Medien ihren Lieblingsportfolios in Form von dazugehörigen Hashtags folgen und je nach Bedarf tiefer in die Materie eintauchen, indem sie die dazugehörige Homepage bzw. die Blogs der Kunstschaffenden besuchen und dort aktuell auf dem Laufenden gehalten werden. 

Winterspaziergänge bei tiefer Sonne am Rheinufer und an der Siegmündung in Bonn.