Poetische Fotos aus Berlin

Küchentisch meiner alten Wohnung in Berlin

Fotos einer Stadt schaffen über die Zeit einen persönlichen Raum der Erinnerungen. Hier möchte ich meine Berlin-Fotos zusammenfassen. Nachdem ich früher zwei Jahre dort gelebt habe, bin ich inzwischen nur noch selten in Berlin. Aber bei jedem neuen Besuch mache ich natürlich neue Fotos. An sonnigen Sommerabenden ebenso wie an verregneten Novembermorgen…

In diesem Portfolio sollen nur wenige, aber dafür besondere, interessante Bilder aus Berlin zu sehen sein. Und nach jedem Besuch kann die Sammlung um ein paar neue Fotos wachsen.

Wie Berlin ist, kommt darauf an wen man fragt. Berlin ist Party, Geschichte, Politik, viel zu groß, unfreundlich, gentrifiziert, Hauptstadt, das grüne Umland, international, kreativ, Techno, arm aber sexy, häßlich und grau…

Falls man der Stadt eine eigene Poesie zusprechen möchte, wäre es jedenfalls eher kein gemütlicher, heimelig-romantischer Zauber. Berlin ist nicht das Venedig des Nordens oder das Paris des Ostens. Aber etwas Eigenes ist Berlin auf jeden Fall.

Schnappschüsse mit der legendären LOMO LC-A:

Ein Kriterium für meine Auswahl war „poetisch“. Ich wollte „dichterische“ oder „lyrische“ Bilder aussuchen und meinte damit den Wunsch, in irgendeiner Form beseelte Fotos zu finden. Deshalb sind es auch nur analoge Fotos. Im Gegensatz zu digitalen Fotos wirken analoge Fotografien einheitlich, rund und mehr aus einem Guss. Wie eine Glocke ohne Sprung. Die Dinge scheinen in der physischen Bildebene aufzugehen und wirken eben nicht ausgeschnitten oder isoliert, wie es oft bei digitalen Fotos der Fall ist. Die Emulsionsschicht ist wie eine Luftschicht, ein freier Raum, von Licht durchflutet. Im Bereich der Emulsion ist die Atmosphäre zum leben und atmen für das Bild. Es wird nichts berechnet, reduziert oder korrigiert. Die bildgebenden Prozesse sind chemischer Zauber, alchemistische Verwandlung… Echte, analoge Fotos sind physische, beinahe haptische Bilder.

Schwarzweiße Fotos von Wänden und Spiegelungen: 

Drei inhaltliche Kriterien für ein poetisches Foto sind beispielsweise:

  • Wie ist es fotografiert? Der spielerische Umgang mit dem Was. Zufall, Glück oder Kunstgriff. Jedes Foto ist eine Abstraktion.
  • Muss das Foto authentisch sein? Die Wirklichkeit liegt auch oft in falschen Farben, verwackelt oder unscharf vor uns.
  • Gewöhnlich oder alltäglich? Alles was meinen Blick festhält, ist wert genug fotografiert zu werden.

Summer in the city, sommerliche Fotos aus Berlin: 

Unser Sehen ist ein sehr komplexer Vorgang und findet auf mehreren Ebenen statt. Die Welt, wie wir sie sehen, entsteht nicht nur durch den visuellen Reiz. Auch alle möglichen psychologischen und durch die Evolution tief in uns verankerte Interpretationswege formen unser Erleben und das Verständnis einer Situation.
Wir schaffen im Sehen beispielsweise blitzschnelle Bezüge zu alten Bildquellen, die wir dabei abgleichen. Würden wir hier immer nur nach dem Was fragen, wäre die Welt schnell langweilig. Das Was ist alt, bekannt und niemals wirklich neu. Interessanter ist vielmehr das Wie. Wie es klingt, wie es sich anfühlt, wie es aussieht… Nur wenn wir nach dem Wie fragen, können wir etwas Neues erleben. Nur im Wie bekommen die Fotos ihre eigene Wirklichkeit und eine Stadt ihre eigene Qualität. Straßen, Häuser, der Klang der S-Bahntüren, der Himmel über Berlin.

Fünf technische Kriterien für ein poetisches Foto sind beispielsweise:

  • Das Licht entscheidet über das Foto.
  • Die Tiefenschärfe und der Fokus können das Augenmerk auf ein bestimmtes Detail richten.
  • Die Verschlusszeit bestimmt den Augenblick.
  • Das Korn des Films kann poetisch, billig oder glanzvoll wirken, jeder Film hat seine materialimmanenten Eigenschaften und Grobheiten.
  • Das Objektiv, Bokeh, Lensflares und Vignettierungen. Jedes geschliffene Glas wirkt anders, zeichnet die Ecken in einer eigenen Art und Weise, verzerrt und verzaubert.

Weniger ist oft mehr. Wenn es zu viele Informationen gibt, geht der Inhalt verloren. Wir helfen uns dann, indem wir nach etwas greifen, was wir verstehen. Ist dort Text, fangen wir an zu lesen. Sind dort zu viele Dinge erkennbar, landen wir sehr schnell beim „Was“ der Fotos und so wird es auch recht bald langweilig.

Himmel über Berlin. Fotos vom Blick nach oben: 

Finden wir dagegen nur wenige Informationen, neigt unser Inneres dazu viel hineinzuinterpretieren. Die Leere füllen, ordnen und Sinn geben. Das ist ein viel mehr lebendiger Prozess, der uns anregen kann und unserem Intellekt schmeichelt. Mit etwas Freiraum können die Dinge ihren eigenen Klang entwickeln und der Betrachter seiner persönlichen Resonanz lauschen. So gesehen sind poetische Fotos wie ein visuelles Konzert.

Abendlichter und nasse Straßen Berlins: 

Im Foto können wir als Betrachter unsere eigenen Empfindungen entwickeln, während wir im Gemälde viel mehr in die Welt des Künstlers geschickt werden. Für die Rezeption über einen Künstler ist es wichtig zu verstehen, was ihm wichtig war. Natürlich kann der Fotograf ebenfalls Gefühle in sein Werk einbeziehen. Anders als im gemalten Bild fließen die Gefühle des Fotografen beim Auslösen aber nicht so direkt und unmittelbar in das Bild. Es kann z.B. mit einem Selbstauslöser auch automatisch erstellt werden und ist beliebig oft reproduzierbar.

Novembergraue Fotos an einem verregneten Vormittag: 

Auf der Suche nach bunten Farben an einem Novembertag: 

Was die Gefühle im Foto angeht, ist anschließend der Betrachter gefragt. Nachdem das Foto im 19. Jahrhundert immer mehr an die Stelle des gemalten Portraits getreten war, ist der ganze Habitus rund um die Fotografie bis heute teilweise sogar ausgesprochen sentimental geworden. Fotos sind unsere Erinnerungen, Fotos sind Eitelkeit, Götzen, Projektionsfläche für Eros und Liebe: „Dies Bildnis ist bezaubernd schön…“

Schon Narziss betrachtete verzückt sein Abbild im Spiegel eines Baches.

„Man muss sich doch klarmachen, wie unchristlich und heillos eitel die Menschheit erst werden wird, wenn sich jeder für seine Goldbatzen sein Spiegelbild dutzendweise anfertigen lassen kann. Es wird eine Massenkrankheit von Eitelkeitswütigen ausbrechen, denn wenn sich jedes Gesicht dutzendweise verschenken und bewundern lassen kann, so macht das die Menschen gottlos oberflächlich und gottlos eitel.“ – Entsetzte Äußerung eines Zeitzeugen über das ‚neue‘ Verfahren der Daguerreotypie von 1841.

Aus unserer heutigen Perspektive, vor dem Hintergrund der digitalen Fotografie, wird die Entfremdung zwischen dem Fotografen und seinem Motiv ein bisschen aufgehoben, wenn man analog fotografiert. Oft fotografiert man dann achtsamer und langsamer. Ein Handabzug aus der Dunkelkammer, mit Kaffee entwickelt, ist tatsächlich auch ein Unikat und nicht einfach wieder genau gleich reproduzierbar. Spuren von Kratzern, Staub und Körnigkeit schaffen einen Eindruck von Zeit und Vergänglichkeit.

Ein verwunschener Spaziergang durch Neukölln:

Das Spiel mit der Materialität, das Eingreifen, die Überraschung und die Möglichkeit den bildschaffenden Prozess mitzugestalten macht für mich den Zauber der Fotografie aus. Und in diesem Sinne ist es für mich auch ein bisschen wie Malen und Zeichnen.

Straßenfotografie in Paris

Um eine fremde Stadt kennenzulernen, gehe ich immer am liebsten spazieren. Auf den Straßen, in der Metro, auf Plätzen und in Parks trifft man die Menschen, erlebt die einzigartige Architektur und findet all die Besonderheiten, die schließlich das eigene, selbst gewonnene Bild der Stadt ausmachen.

Hier zeige ich nun in kleinen Galerien eine Auswahl mit bewußt ganz wenigen, dafür aber in meinen Augen besonders geglückten Fotos aus Paris. Sozusagen meine Lieblingsbilder.

In einer riesigen und alten Stadt wie Paris laufen viele Wege zusammen. Besonders in allen kulturellen Bereichen ist Paris ein führendes Zentrum und neben New York, London und Tokio eine der wichtigsten  „Global Cities“ der Welt.

Solche Orte, wo viele Ströme zusammenfließen, sind spannend und pulsieren vor Leben und Energie.

Bei einem Spaziergang entlang der Seine bekommt man einen guten Eindruck von der Stadt und ihren vielen Brücken. 

Europas größte Bürostadt „La Défense“, das Hochhausviertel im Westen von Paris, ist ohne die Menschen dort wie ausgestorben. Vormittags bin ich über leere Plätze und einsame Brücken gewandert. Nur ein paar Tauben gurrten auf der riesigen Treppe des Grande Arche.

Mit der Zorki und dem schönen Street Candy Film habe ich mir Europas größte Bürostadt, das Hochhausviertel La Défense im Westen von Paris angeschaut. 

Ab 12 Uhr strömen plötzlich überall Menschen aus den Bürotürmen. Foodtrucks verteilen kleine braune Papiertüten mit Essen aus aller Welt: Exotische Caribic Bowls, gesunde Salädchen, deftige Burger… Für jeden ist etwas dabei und innerhalb weniger Minuten verteilen sich tausende gut gekleidete Menschen über die Plätze, um Brunnen und Wasserflächen, auf Treppenstufen und Parkbänke. Überall wird entspannt aber dennoch sehr manierlich und rücksichtsvoll gepicknickt, Boule gespielt oder mit den Kollegen geplauscht.

Mittagspause im Büroviertel La Défense. Sehr stark unterentwickelt sehen diese Fotos erschreckend altmodisch aus. Ein schroffer Gegensatz zur modernen Architektur und Effizienz der hochspezialisierten Menschen, die hier arbeiten. 

Der Hügel Montmartre war im 19. Jahrhundert das Zentrum der Kunst schlechthin. Was hier passierte, hatte weitreichende und kaum zu überschätzende Relevanz für die ganze Entwicklung der Malerei. Wer die Möglichkeit hatte, kam nach Paris und fand hier Inspiration, Austausch aber auch die nötige Freiheit, um seinen eigenen Ausdruck zu entwickeln.

Der Washi Film „F“ ist ein feiner Röntgenfilm. Wenn man ihn richtig behandelt, zaubert er fantastische Lichter und weiche, fast magische Bilder. 
Durch die sommerlich heiße Entwicklung sind hier jedoch viele Fotos kaputt gegangen. 

Richtig geglückt ist dafür die letzte Aufnahme einer jungen Mutter in der Metro. Dieses Foto wäre eigentlich sehr stark unterbelichtet gewesen. Durch die unfreiwillige Push-Entwicklung ist es jetzt aber das Highlight meines Ausflugs zum Montmartre. 

Paris – eine junge Mutter in der Metro

Trotz seiner vielen historisch gewachsenen, ganz unterschiedlich bevölkerten Stadtteile, ist das architektonische Erscheinungsbild von Paris sehr einheitlich. Die bürgerlichen großen Stadthäuser im Zentrum sehen alle gleich aus. Die Pariser sind stolz auf ihre graublaue Dachlandschaft und wenn man vom Eiffelturm über die Stadt schaut, dominiert bis zum Horizont ein erstaunlich einheitlich grau-weißes Häusermeer. Nur die Bürotürme im Viertel La Defense heben sich ab und in der Ferne ahnt man die Großwohnsiedlungen in den Banlieues.

Ein weiter Blick über Paris bietet sich vom Eiffelturm, dem Wahrzeichen der Stadt. 

Fotografisch wollte ich Paris rein analog erfassen. Ich war mit zwei Kameras unterwegs und habe versucht für jede Kamera den jeweils passenden Stil zu finden.

Meine original russische LOMO LC-A ist die klassische traditionelle Lomo. Das ist die ursprüngliche Kamera, mit welcher damals in Prag eine Gruppe Wiener Studenten die Praxis der experimentellen Schnappschussfotografie erfunden hat. Ich habe sie aus Sibirien in einem exzellenten Zustand geschickt bekommen und diese Parisreise war ganz offensichtlich das erste fotografische Abenteuer dieses Exemplars.

Die Zehn Goldenen Regeln der Lomografie… Hier eine Auswahl mit Schnappschüssen von meinen Streifzügen durch Paris mit der Lomo LC-A. 

Meine Zorki 4K ist dagegen trotz ihrem rustikalen und oft herablassend belächelten Image als „Leica des armen Mannes“ eine sehr feine und ausgereifte Kamera. Die Qualität der Bilder hat man mit der Zorki ganz in der eigenen Hand. Ich liebe besonders Fotos mit weit geöffneter Blende. Beim Jupiter 9 Objektiv mit 85 mm Brennweite bekommen die Fotos dadurch eine sehr weiche, traumhafte und beinahe malerische Atmosphäre. Alles wirkt kostbar, einzigartig und Menschen erscheinen fast wie Schauspieler zauberhaft hinterm Vorhang auf der Bühne eines kleinen altmodischen Theaters.

Ob Liebesschlösser in der „Stadt der Liebe“, beim Bummeln in verwinkelten Passagen oder zum Spiel mit dem bunten Licht in der Sainte-Chapelle – hier ein paar Eindrücke mit der Zorki in Paris. 

Nach einer Woche in der Stadt habe ich sehr viele Fotos mitgebracht. Für mich besonders in Paris war das Thema „Street Photography“. Straßenfotografie mit Menschen ist in meinen Augen einerseits die schwierigste, andererseits die schönste Facette der Fotografie. Tausend nicht gemachte Bilder spuken mir durch den Kopf. An jeder Ecke sieht man schöne Situationen, sieht wunderschöne junge Frauen, Situationskomik, charaktervolle Gesichter, den Zauber des Alltags… Alles zieht vorüber und nur ganz selten schaffe ich es meine Scheu zu überwinden, bin schnell genug und erwische den richtigen Moment. Digital ist es einfacher. Aus einer Masse an Fotos, in schneller Folge geschossen und mit der Möglichkeit auch kleine Ausschnitte in ordentlicher Qualität zu wählen, kann man den Menschen ganz anders auf die Pelle rücken. Analoge Straßenfotografie ist sehr viel zerbrechlicher. Man muss ein Gespür für die Situationen entwickeln, Film und Kamera sehr gut kennen und schnell und beherzt sein. Aber selbst wenn nur ein Foto auf der ganzen Filmrolle geglückt ist, freut man sich hinterher viel mehr.

Fotos mit Menschen sind hinterher oft am interessantesten. Aus der großen Masse an Fotos mit der Lomo LC-A habe ich hier meine Lieblings-Schnappschüsse ausgewählt. 

Meine schwarzweißen Fotos aus Paris sind alle sehr stark über- oder unterentwickelt. Wie auch in Indien, hatte ich in Paris lauter verschiedene Filme und habe auch einzelne Fotos oft sehr unterschiedlich belichtet.
Was am Ende all dieser manuellen Prozesse übrig bleibt, ist manchmal auch allein technisch gesehen interessant oder zumindest kurios. Je nach Gesichtspunkt kann man auch in diesen Prozessen, im Zusammenspiel des Inhaltlichen mit dem Technischen eine gewisse Poesie entdecken.

Die Existenz mancher Fotos ist für mich schließlich fast wie Zauberei: Es sind dabei so unwahrscheinliche Umstände, so haarscharf gerade noch glückliche Faktoren… Was da alles in perfekter Konstellation zusammengetroffen ist, um schließlich in Form dieses einen Fotos in die Welt zu treten, da bleibt mir dann nur noch ungläubiges Staunen.

Beispielsweise ist der ganze Film vom Montmartre extrem überentwickelt und sieht fast aus wie Griesbrei. Aber nur durch diese Überentwicklung ist das eine vormals hoffnungslos unterbelichtete Foto von einer jungen Mutter in der U-Bahn doch noch etwas geworden. Nur durch die zu hohe Temperatur, die „falsche“ Zeit oder vielleicht auch aufgrund der selbstgerösteten Kaffeebohnen, aus denen ich mein Caffenol gemischt habe, erkennt man plötzlich den friedlichen Gesichtsausdruck oder den besonderen Blick eines Typen, der vormals einfach nur im Schatten eines Cafés saß.

Es sind all diese Zufälle, die für manche dieser Fotos wie ein fantastisches Uhrwerk zusammen greifen und die für mich den Zauber der analogen Streetfotografie ausmachen.

Hermannstadt im Winter

Sibiu, 8. Dezember.
Köln ab am 7. Dezember 1:15 mittags. München am frühen Abend des selben Tages überflogen; sollte eigentlich 2:20 ankommen, der Flug hatte aber eine halbe Stunde Verspätung.
Budapest scheint eine herrliche Stadt zu sein, soweit ich es aus dem Flugzeugfenster und in der kurzen Zeit, die mir beim Vorbeifliegen zur Verfügung stand, beurteilen konnte…

Bram Stokers Dracula war mir dieses Jahr atmosphärische Einstimmung für meine Reise nach Transsylvanien. Hier möchte ich jetzt meine wirklichen Eindrücke in einem kleinen Beitrag zusammenfassen. Vielleicht inspiriert es ja den einen oder anderen zu einem eigenen Besuch.

Ein erster Eindruck von Hermannstadt: 

Hermannstadt oder rumänisch Sibiu ist eine schöne alte Stadt am Rande der Südkarpaten. Vampire gibt es dort keine mehr, dafür Knoblauch überall. Getrocknet, zu wunderschönen Zöpfen gebunden, als Grundlage deftiger Fleischgerichte, in heißer Butter schwimmend ebenso beliebt wie sogar in der Mayonnaise: Überall findet sich die Wunderknolle. So müsste man schon sehr lüstern und verzweifelt sein, wollte man da heute noch auf vampireske Gedanken kommen. Hermannstadt ist also, soviel sei nun direkt verraten, nicht das Zentrum des Vampir-Kults – das wäre Schloss Bran. „Hermannstadt im Winter“ weiterlesen

Kafa Biosphärenreservat

Im Sommer 2013 war ich für vier Monate im Kafa Biosphärenreservat in Äthiopien, um dort bei einem Projekt vom NABU (Naturschutzbund Deutschland) mitzuhelfen. 

Eine große, sowohl weite wie auch lange Reise ist sehr eindrucksvoll: Dazu gehören besondere Begegnungen mit Menschen, kleinen und bunten Tieren und Pflanzen aber auch viele schöne Momente, neue Gedanken und Bilder, die einem nachklingen. Es macht Spaß stromaufwärts einfach immer weiter einem Fluss durch den Dschungel zu folgen, beim Wandern komische Blätter und Kräuter am Wegrand zu riechen oder während der Regenzeit ohne Strom nachts unter seinem Moskitonetz zu liegen und sich rundum 700 Quadratkilometer Wald vorzustellen – mit allem was darin lebt, wächst und zuhause ist… Es hat mir unglaublich gut gefallen und ich hätte nie gedacht, dass ich mich dort so zuhause fühlen könnte. 

Viele Informationen über Kafa, wie man dort hin kommt und was es dort alles zu entdecken gibt, finden sich auf der eigenen Webseite für das Kafa Biosphärenreservat

Wer Kaffee aus Kafa, der Heimat des Coffea arabica kaufen möchte, findet hier mehr Informationen dazu, einen Online Shop und Verkaufsstellen in vielen Städten: Kaffaland

Sehr guten Kaffee aus Äthiopien, Kaffee der auch komplett vor Ort hergestellt und geröstet worden ist, findet man aber auch im Internet-Shop bei Delday: Kaffeespezialitäten aus Afrika

Hier ist jetzt eine kleine Auswahl mit Fotos aus dieser Zeit:

 

Titelfoto Analog Indien Caffenol Palolem Beach

Licht und Kaffee. Analoge Fotos aus Indien

Erfahrungen und Gedanken aus meiner experimentellen Laborküche auf Reisen. 

Übersicht meiner Filme für das Projekt in Indien

Inhaltsverzeichnis:

Reisen und Fotos gehören einfach zusammen. Speziell durch analoge Fotografie bekommen Erinnerungen in unserer digitalen Zeit eine ganz besondere Materialität, Poesie und eine fast schon haptische Wahrheit. 

In diesem Beitrag möchte ich meine analogen Fotos aus Indien zeigen und Notizen dazu niederschreiben: Gedanken über das Fotografieren, Kameras, die  verschiedensten Filme und wie ich mit Kaffee unterwegs in Indien in Hotelzimmern und Strandhütten Filme entwickelt habe und was mir dabei alles passiert ist. 

„Was ich sehe, ist nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit. Alles ist Abstraktion. Schönheit entsteht erst in der Zuwendung“

Wie in einem Magazin soll diese Seite zum herumblättern einladen. Es ist nicht nötig all den Text zu lesen. Überfliegt einfach die Fotogalerien, schaut vielleicht einzelne Fotos genauer an und scrollt hin und her. Das Herzstück sind die mit Kaffee unterwegs entwickelten und direkt vor Ort eingescannten indischen Schwarzweißfotos. Interessant sind oftmals aber auch die Motive der Farbfilme und einfach wunderschön sind Licht und Farben der Diafilme. Auf das für jeden etwas dabei ist und auf das jeder etwas für sich mitnehmen kann. 

Erste Eindrücke von Mumbai. Mit Caffenol und Natron entwickelte Filme. Ein Spaziergang durch Colaba und erste Fotos aus dem Trubel und Gewusel des Bazar Distrikts: 

Reisefotos, wenn sie nur Orte dokumentieren sollen, sind schnell langweilig. Aber wenn sie mir etwas bedeuten, weil sie mich erinnern, weil sie etwas bestimmtes zeigen, dass mir aufgefallen ist, dann können sie interessant werden. Zeichnen und Fotografieren sind für mich deshalb das gleiche. Beides schafft einen Zusammenhang zwischen meinem Leben und den ganzen Ereignissen um mich herum. Beides ist ein Weg sich zu positionieren. 

Sightseeing in Mumbai – Ein Vormittag mit dem CineStill X-Pro 50 Daylight Film und der Zorki4K.

Im Foto wird der Augenblick zu Material. Und das Fotomaterial wird zum Zeitzeuge. Fotos sind immer auch eine Abstraktion und dadurch eine eigene Interpretation. Aber genau in dieser Materialität liegt auch ihre Schönheit. Die Vereinfachung, ausgewählte Details, kurze, flüchtige Momente, Eindrücke im Straßenleben können plötzlich fast ein bisschen sowas wie Ewigkeit und Wahrheit werden. Situationen werden herausgestellt, das Eigenleben der Dinge kann im Foto nachklingen.  „Licht und Kaffee. Analoge Fotos aus Indien“ weiterlesen

Atomenergie – Verstrahlte Fotos aus Tschernobyl

Die Sperrzone rund um das Atomkraftwerk von Tschernobyl ist mit 2600 km² etwas größer als das Saarland bzw. ziemlich genau gleich groß wie Luxemburg. Es ist ein riesiges Gebiet, welches an manchen Hotspots immer noch so verstrahlt ist, dass bereits wenige Stunden vor Ort für einen Menschen tödlich wären.
Neben diesen Hotspots ist ein mehr oder weniger vergnügtes Leben aber durchaus möglich. Die Natur hat inzwischen weite Teile des von den Menschen verlassenen Landes zurückerobert. Die Sperrzone ist fast wie ein Naturreservat und es gibt dort viele seltene Tierarten, Wölfe, Bären, wilde Przewalski-Pferde und sogar Seeadler.

Am Checkpoint Dytiatky beginnt die Sperrzone

Von Kiew aus habe ich eine Exkursion in das Sperrgebiet unternommen und viele Fotos gemacht.
Für die Strahlung hauptsächlich verantwortlich ist Caesium-137, welches das Gebiet mit der besonders durchdringenden Gammastrahlung (auch ​ɣ-Strahlung) radioaktiv verseucht.
Die meisten radioaktiven Stoffe liegen inzwischen unter einer etwa 30 Zentimeter tiefen Erdschicht begraben oder haben sich zersetzt. So ist die Strahlenbelastung für Besucher heute nur noch etwa 1 % des Wertes vom April 1986, direkt nach der Katastrophe. Wenn man 30 Bananen isst, bekommt man wahrscheinlich mehr Radioaktivität ab, als bei einem Tag in Tschernobyl.
Mein Dosimeter misst die aufgenommene, ionisierte Strahlung. Das ist vor allem die Gammastrahlung. Wie es speziell mit Alpha- und Betastrahlern aussieht, weiß man nicht – das Inhalieren oder Schlucken von radioaktivem Staub oder Wasser wäre jedenfalls ziemlich heftig. Freunde der Atomenergie vergessen oft gerne, dass es verschiedene Arten radioaktiver Strahlung gibt. Deswegen ist es auch nur die halbe Wahrheit, wenn man ein kontaminiertes Gebiet ausschließlich über die oberflächlich gemessene Hintergrundstrahlung definiert. Rund um Tschernobyl wird nirgends gebuddelt und alle Leitungen und Rohre nach der Katastrophe sind oberirdisch verlegt.
Ein Besuch der Sperrzone ist im Rahmen einer geführten Tour sehr gut möglich und wird als touristische Abenteuerreise von Kiew aus für etwa 100 $ angeboten.

Fotos meiner Fahrt nach Tschernobyl:

Nach dem passieren des ersten Checkpoints im Dörfchen Dytiatky kommt man in die 30-km-Zone. Hier sind bereits verstreut verlassene Ortschaften und Hausruinen zu sehen, während man auf langen geraden Straßen immer weiter in das überwiegend bewaldete Gebiet hineinfährt. Im Radius von 10 Kilometern um den havarierten Atomreaktor kommt dann der zweite Checkpoint. Heute arbeiten immer noch viele Menschen im Sperrgebiet und ganz aktuell wurde durch das französische Konsortium Novarka das „New Safe Confinement“, kurz NSC gebaut. Die 1,5 Milliarden Euro teure zweite Schutzhülle wurde neben dem Unglücksreaktor gebaut und dann über den mittlerweile maroden alten Beton-Sarkophag geschoben – eine ingenieurmäßige Meisterleistung.
Direkt neben dem havarierten Reaktorblock ist ein Denkmal und es gibt eine Mensa, wo man zusammen mit den Arbeitern Mittagessen kann.  „Atomenergie – Verstrahlte Fotos aus Tschernobyl“ weiterlesen

Fotografieren in der Stadt

Der Sonnenuntergang über Jersey City, Millionen Lichter, die nach und nach überall angehen, ein ständiges Rauschen der Stadt hier oben, aber auch der leichte Abendwind, der warme Luft durch die Gitterstäbe trägt – es ist schon sehr beeindruckend mitten in Manhattan hoch oben auf einem Wolkenkratzer zu stehen und es fällt mir schwer zu glauben, dass das alles wirklich ist. 

Schöne Aussicht genießen. Hier ein paar Fotos von Menschen, die schauen: 

Fast wie ein Schutz, als Anker um nicht abzuheben, ist es da ganz beruhigend sich mit seiner Kamera zu beschäftigen, aufs Handy und auf irgendwelche Knöpfe zu drücken…
Oben auf der Besucherterrasse des Empire State Buildings in New York habe ich nun vier Stunden verbracht und mir einige Gedanken zum Fotografieren in der Stadt gemacht.

Es wurde noch nie so viel fotografiert wie heute. Fotos kosten nichts, mit dem Handy hat jeder überall eine brauchbare Kamera dabei und natürlich will man die Eindrücke der Reise auch teilen und muss dafür „Trophäen“ sammeln. Mit Filtern und einfacher Fotobearbeitung kann man schließlich sogar aus eher bescheidenen Aufnahmen noch eine ganze Menge machen.

Praktisch gibt es meiner Beobachtung nach drei Arten von Fotos, die man auf Reisen macht:  „Fotografieren in der Stadt“ weiterlesen

Kap Finisterre, am Ende der Welt

Pilgern

Pilgerzeit auf dem Camino del Norte

Pilgern auf dem Küstenweg

Von Bilbao bis Santiago de Compostela sind es 663 Kilometer. Bis ans Ende der Welt, bis zum „Kap Finisterra“ sind es dann noch einmal 90 km. Insgesamt also 750 Kilometer.
Diesen Sommer habe ich mich zu Fuß auf den Jakobsweg gemacht. Im Schnitt läuft man als Pilger mit Gepäck 25 Kilometer am Tag. Nach 33 Etappen war ich angekommen.

„Pilgern“ weiterlesen

Rundgang durch Venedig

Mit diesem Rundgang durch Venedig möchte ich einen kurzen Gesamteinblick in die Stadt geben, ab und zu kleine „Stärkungsmöglichkeiten“ bieten und neben dem „normalen“ Touristenprogramm auf einige ausgewählte Besonderheiten aufmerksam machen:

Karte des Rundgangs durch Venedig
Venedig Rundgang Karte. Eine Abkürzung über die Rialtobrücke und der Abstecher ins Ghetto sind als gepunktete Linien markiert.

Meanwhile a real classic on my website: The city walk through Venice. 

This city tour can easily be made within a day and passes through all main sights.
For those between-meal hunger pangs and whenever the desire for an cappuccino hits you, I have selected some small cafes and bars on the way.

Um den ungetrübten Ablauf des Rundganges zu gewährleisten, sollte folgendes beachtet werden:

  • Der Rundgang dauert einen ganzen Tag lang. Eine gute Abkürzung wäre auf dem Campo San Lio weiter geradeaus über den Campo San Bartolomeo und dann über die Rialtobrücke. Dieser Bereich Venedigs ist natürlich sehr touristisch. Aber geht man hinter der Rialtobrücke immer geradeaus, kommt man zum Fischmarkt. Ab dort kann man den Rundgang normal fortsetzen.
  • Man kann den Rundgang in zwei Spaziergänge aufteilen. Der Weg von der Frarikirche bis zur Salutekirche ist am schönsten nachmittags.
  • Ein schöner Abstecher oder ein weiterer Spaziergang wäre, wenn man die Strada Nuova noch ein, zwei Brücken weiter geht und dann rechts abbiegt um sich frei durch Cannaregio treiben zu lassen. Ein gutes Ziel dieser Tour wäre dann zum Beispiel das Ghetto von Venedig.
  • Wer möchte, kann parallel zum Rundgang der Route mit Google Maps folgen. Unter diesem Link wäre meine Karte dazu: Google Karte Rundgang durch Venedig
  • Bequeme Schuhe, aber keinesfalls Bergwanderstiefel.
  • Freundliches Benehmen. Ist man sich immer dessen bewußt nur als Gast in der Stadt zu sein, vermeidet man es auch, seinen Müll außerhalb der dafür gedachten Mülltonnen zu lassen.
  • Da man sich in Venedig meistens in einer künstlerisch geprägten Atmosphäre bewegt, sollte man dem Stilempfinden der Venezianer durch geschmackvolle Kleidung entgegenkommen.

Als Hilfe durch das Labyrinth Venedigs mag vielleicht dieses kurze Glossar dienen:

Calle – Gasse
Campo – Platz
Campiello – Kleiner Platz
Rio terra – Eine Strasse über einen zugeschütteten Kanal
Sotoportego – Hausunterführung als Teil einer Gasse
Salizzada – Hauptstrasse eines Stadtteils

Der Markusplatz

Man beginne unter dem Uhrenturm auf dem Markusplatz.
Der Uhrenturm ist für seine Zeit ein technisches Meisterwerk mit vielen einzigartigen Funktionen. Wer mehr Zeit hat, kann ihn auch im Rahmen einer Führung besichtigen, was sich allein wegen der fantastischen Aussicht sehr lohnt. Termine, Karten und Infos dazu bekommt man im Museo Correr, dem Städtischen Museum von Venedig gerade auf der anderen Seite des Markusplatzes.
Einen einfachen Espresso, Caffè Lungo oder Cappuccino für den Start findet man auf dem Markusplatz in der American Bar. Richtig stilvoll und oft mit Livemusik wäre es im Caffé Florian, in Italiens ältestem Kaffeehaus unter den Arkaden schräg gegenüber.

Torre dell' Orologio / Uhrenturm
Torre dell‘ Orologio an der Piazza di San Marco

Den Markusplatz verläßt man nun mit gewandten Schritten quer durch die Menschenmenge in Richtung Wasser. Hat man die Insel San Giorgio mit gleichnamiger Palladiokirche und Turm vor sich, geht es nach links weiter, das Ufer entlang und über zwei Brücken. Von der ersten dieser Brücken sieht man links die „Seufzerbrücke“.

Die Seufzerbrücke
Die Seufzerbrücke

Nach der zweiten Brücke gehe man die zweite Gasse linkerhand noch vor dem kleinen Tabak & Souvenirgeschäft vom Wasser weg nach links. Hier steht, nach wenigen Schritten geradeaus, am Campo San Zaccaria auf der rechten Seite die Kirche, nach welcher der Platz seinen Namen bekommen hat: San Zaccaria! In der Kirche ist auf der linken Seite ein Bild des berühmten Malers und Lehrers von Tizian und Giorgione, Giovanni Bellini. Es gibt auch eine sehenswerte romanische Krypta.

Romanische Krypta unter der Kirche San Zaccaria
Romanische Krypta unter der Kirche San Zaccaria

Von der Kirche aus geht man weiter, am Ende des Platzes links. Nach überqueren des Campo San Provolo kommt eine Brücke, hinter welcher sich links die Trattoria Rivetta befindet. Den Hunger verkneift man sich aber noch kurz und geht lieber in die grüne Eckbar am Campo San Filippo (Bar Verde), wo es einen guten Cappuccino mit großer Milchmütze gibt. Auch einige Tramezzini (Sandwiches) sind empfehlenswert. Zu beachten ist allerdings, dass sich die Preise (wie fast immer in Venedig) deutlich erhöhen, wenn man nicht an der Bar bleibt und sich an einen der Tische setzt.
Hat man sich gestärkt, geht es über den Platz weiter, rechts, nach der Apotheke in die Calle Rimpeto la Sacrestia; in dieser Gasse ist ein Obsthändler. Die zweite links gehe man nun durch die Calle a Fianco la Chiesa und gerät dann auf den Campiello novo San Giovanni in Oleo, wo links eine Barokkirche ist, in welcher manchmal Ausstellungen zu sehen sind. Am Ende des Platzes geht man rechts durch eine dunkle Gasse, nach deren Verlauf man auf der linken Seite an einem etwas finsteren Kanal entlang kommt. Bemerkenswert ist, dass hier jeder Hauseingang eine eigene Brücke hat und ich frage mich immer, ob der große Blumenstrauß im Hotel Ca‘ Dei Conti wirklich echt ist…

Ein kleiner Canal und jede Haustür hat ihre eigene Brücke
Ein kleiner Canal und jede Haustür hat ihre eigene Brücke

Am Ende der Fondamenta Rimedio kommt man über eine Brücke rechts auf den Campiello Querini Stampalia. Rechts steht rosafarben das Museum und die Bibliothek Querini Stampalia mit einer öffentlich zugänglichen Sammlung wissenschaftlicher Werke.

Hat man das Plätzchen schräg nach links hinter sich gebracht, kommt der Campo S.M. Formosa. An der Kirche rechts vorbeigehend, kann man schon die „Bar all Orologio“ erkennen. Die Bedienung ist dort oft überfordert und es ist viel zu teuer, aber der Platz ist gemütlich zum sitzen und in den wärmeren Monaten ist es sehr angenehm draußen ein „Spritz“ oder einen Cappuccino zu trinken.
Der Rundgang geht weiter an der Kirche vorbei, dann aber nach rechts und den Kanal entlang.

Auf der Fondamenta Preti Castello bei S.M. Formosa
Auf der Fondamenta Preti Castello bei S.M. Formosa

Nach der Brücke gleich über die links liegende Brücke und in die Calle Paradiso mit dem steinernen Reliefdreieck, welches inzwischen etwas schräg zwischen den Hausreihen hängt. Man brachte es anläßlich einer Hochzeit an.

Ein Liebesdreieck über der Calle Paradiso
Ein Liebesdreieck über der Calle Paradiso

In der Calle Paradiso sind mehrere traditionelle Geschäfte und ein exzellenter Buchladen, die Libreria Editrice Filippi, welche auf Venedig spezialisiert ist und auf Italienisch einiges zu bieten hat. Am Ende der Gasse geht man nun nach rechts in die belebte Salizzada San Lio. Die bald auf der rechten Seite auftauchende „Boutique del Gelato“ hat nach meinem Geschmack das beste Eis Venedigs.

Eis essend gehe man nun die Straße weiter, bis rechts der kleine Campo San Lio erscheint.

Mozzarella in Carrozza
Mozzarella in Carrozza – ein sehr leckerer Imbiss

Würde man nun weiter geradeaus und über die Brücke gehen, wären es nur noch ein paar Schritte durch die Calle della Bissa bis auf den Campo San Bartolomeo. Gerade vorher, im Durchgang vor dem Campo, könnte man bei dieser Gelegenheit auch in der Rosticceria San Bartolomeo eine Mozzarella in Carrozza essen…
Der Campo San Bartolomeo mit dem Goldoni Denkmal ist direkt am Fuß der Rialtobrücke. Das ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten Venedigs und hier könnte man den Rundgang abkürzen. Dafür muss man sich allerdings mitten in das Gewusel und über die Rialtobrücke drängen… Hier, mitten im alten wirtschaftlichen Zentrum Venedigs, ist immer sehr viel los. Geht man über die Rialtobrücke immer weiter geradeaus, kommt man auf den Gemüse- und Fischmarkt, wo man den Rundgang dann wieder normal fortsetzten kann.

Ob Pause oder nicht, der Rundgang geht auf dem Campo San Lio weiter. Hier wenden wir uns nach rechts in die Calle Carminati, nach deren Verlauf eine Brücke kommt. Nach der Brücke die zweite Gasse rechts. Nun wähle man die nächstmögliche Gasse nach links, so kommt man dann nach wenigen Schritten geradeaus auf den kleinen Campo Santa Marina, wo sich die Pasticceria Bar Didovich befindet, falls es einen nach einer Stärkung, Caffè lungo, Cappuccino oder nach feinen venezianischen Süßigkeiten gelüstet.

Schräg nach links geht man über den Platz, um in die kurze Calle del Cristo zu gelangen. Nach der Brücke (Ponte del Cristo) aber gleich wieder rechts über die Brücke und in die Calle de le Erbe. Hat man die Gasse auf dem geraden Weg durchschritten, steht kurz vor der Brücke links oben an der Hauswand eine kleine Überraschung bevor.
Das Schild „Ultimo Numero del Sestier de Canaregio“. Venedig ist nicht wie andere Städte in Stadtviertel gegliedert sondern in Sechstel, die sogenannten „Sestieri“: San Marco, Castello, Canaregio, Santa Croce, San Polo und Dorsoduro. Innerhalb dieser Stadtsechstel wurden zu Napoleons Zeiten alle Häuser durchnumeriert. Man sollte aber nicht denken, dass man eine normale, moderne, sachliche Reihenfolge findet. Es kann einem zum Beispiel passieren, dass man eine Hausnummer auf einem Fenster findet, wahrscheinlich war dort früher einmal eine Tür gewesen. Auch wenn es für die Post funktioniert: Suchen Sie nie eine Adresse nach der Hausnummer! Die einzelnen Calle, Fondamente, Viale etc. haben eigene Namen, welche meistens auf Geschehnisse, Berufe oder Persönlichkeiten zurückzuführen sind. Fast immer findet man die Namen der Gasse am Anfang oben an eine Hauswand angebracht in venezianischem Dialekt, so dass kein Grund zur Verblüffung vorliegt, wenn man in seinem Stadtplan eine etwas andere Bezeichnung findet. Aus dem Schild ist also ersichtlich, dass hier das Sestiere Canaregio endet. Auf der anderen Seite der Brücke beginnt dann Castello, welches das größte Sestiere ist.

Fassade der Scuola di San Marco
Die Scuola di San Marco bei der Kirche Santi Giovanni e Paolo (venezianisch San Zanipolo)

Schon von der Brücke aus wird man den Campo San Zanipolo (San Giovanni e Paolo) entdeckt haben. Gehe man nun also das „berühmteste Reiterstandbild der Welt“ betrachten. Es wird damit an den großen Söldnerführer Bartolomeo Colleoni erinnert, welcher nach seinem Tod 1484 sein ganzes Vermögen (fast eine halbe Millionen Dukaten) dem Staat vermachte, der das Geld auch gerne annehmen wollte. Als Bedingung forderte Colleoni allerdings, dass man ihm „auf der Piazza vor San Marco“ eine Statue errichten würde. Die typisch venezianische Lösung war, dass man, um das Geld zu bekommen, die Statue in Auftrag gab. Sie wurde dann aber auf dem Platz vor der „Scuola di San Marco“ aufgestellt, da man sich den Anblick Colleonis auf dem Markusplatz lieber ersparen wollte.   Die große gotische Backsteinkirche San Zanipolo ist von innen fast noch mächtiger als sie von außen aussieht. Es sind hier mehrere Dogengrabmäler und Plastiken zu finden. An sonnigen Tagen entstehen durch die bunten Glasfenster oft farbige Muster auf dem Kirchenboden. Auch Pflichtprogramm eines jeden Venedigreisenden ist die Bewunderung des dreidimensionalen Wandschmuckes aus der Renaissance an der Fassade der Scuola di San Marco. Dahinter ist schon seit längerem das Krankenhaus. Man sollte allerdings die frisch restaurierte Eingangshalle beäugen und im ersten Stock ist die „Sala Capitolare“ mit einer fantastischen Decke zu besichtigen – heute ein kleines Museum über die Geschichte der Medizin.
Das Café und die Konditorei Rosa Salva direkt am Platz ist für seine Köstlichkeiten in ganz Venedig berühmt. Es gibt ausgezeichnete Süßigkeiten und guten Espresso, wenn man eine kleine Stärkung braucht.
Um den Rundgang fortzusetzen, laufe man den Weg, den man auf den Campo San Zanipolo gegangen ist, einfach zurück bis zum Ende der Calle de le Erbe. Diesmal aber, nach der Ponte de le Erbe, rechts auf die Fondamenta van Axel. Hat man jetzt die schöne Holztüre des Palazzo Soranzo van Axel vor sich, ist man richtig gelaufen.

Soranzo van Axel
Der Palazzo Soranzo van Axel

Nun geht es nach links in die Calle Castelli und man kommt an die Chiesa Santa Maria dei Miracoli, welche innen und außen sehr gründlich renoviert wurde und daher heute in altem Glanze neu erstrahlend einen guten Eindruck von venezianischer Pracht vermittelt, obwohl die Miracolikirche von innen eher den Charakter einer kühlen Kapelle hat.

Rechts an der Kirche vorbei und über die links liegende Brücke Ponte Maria Nova kommt man auf den Campo Santa Maria Nova, der aber außer zwei Bäumen wenig zu bieten hat. Darum geht man hier links Richtung San Marco durch die Calle del Spezier auf den Campiello San Canciano. Jetzt sollte man gut aufpassen und nicht Richtung San Marco weiter gehen, sondern einfach geradeaus an der Kirche links vorbei auf den Campo San Canzian und dann über die Brücke Ponte San Canzian. Nach einer schmalen Gasse mit leichtem Knick nach links gerät man auf einen leeren, stillen Platz mit einem Baum: Den Campiello de la Cason. Geht man nun geradeaus durch eine kurze Gasse mit rechtwinkeligem Knick nach rechts und dann sofort scharf nach links, so kommt man auf einen kleinen Campo drio la Chiesa den man nach links überquert um auf den großen Campo SS. Apostili mit Bänken, Kiosken und vielen Leuten zu kommen.

Für den Abstecher nach Cannaregio und das Ghetto würde man hier nun einfach ein paar Brücken weiter geradeaus der Strada Nuova folgen und dann nach rechts abbiegen. Es lohnt sich sehr, man sollte dafür aber mindestens zwei Stunde einplanen; wenn man die Synagogen oder das Jüdische Museum besichtigen möchte, noch deutlich mehr.

Um den Rundgang fortzusetzen, geht man nur kurz geradeaus die Strada Nuova entlang, bis zur Ca`d`Oro. Hier befindet sich links auf dem Campo Santa Sofia das Traghetto Santa Sofia (7-20.55/Festtags 8-18.55 Uhr).
Vielleicht muss man kurz warten, bis das von zwei Ruderern gesteuerte „Gondel-Fährboot“ angelegt hat. Die Fahrt mit der Gondel über den Canal Grande kostet rund 2 Euro, was aber deutlich günstiger und nur geringfügig unromantischer ist als die klassische Gondelfahrt mit Akkordeon und O Sole Mio Gesang. Falls kein Traghetto mehr fährt, müsste man etwas zurück und einen Umweg über die Rialtobrücke laufen. Hat man jedoch den Canal Grande überquert, befindet man sich auf dem Fischmarkt.

Fische auf dem Markt
Auf dem Fischmarkt

Vormittags kann man hier den verschiedensten Meeresbewohnern beim Krabbeln, Zucken oder Auf-dem-Eis-liegen zusehen. Weiter geht man rechts über die Brücke und am Canal Grande entlang. Von hier hat man die beste Sicht auf die Fassade der Ca`d`Oro. Ist man bis zum Ende gelaufen, biegt man nach links in die Calle del Campaniel ab und läuft dort „sempre dritto“ immer geradeaus bis auf den kleinen Campo San Cassan, wo man sich nach rechts wendet.
Ist man über den Platz gelaufen, kommt man über die Brücke Ponte Giovanni Andrea de la Croce o de la Malvasia und durch den Sotoportego de Siora Bettina (man beachte die Schreibweise: signora-siora). Hier ist links das ordentliche und nicht so teure Restaurant Osteria Nono Risorto, wo man im Sommer auch schön draußen sitzen kann.
Nach dem Sotoportego geht es die links liegende Gasse entlang weiter, aber dann gleich die erste rechts durch den Ramo de la Regina und über die Brücke auf den Campo Santa Maria Mater Domini. Hier befindet sich rechts die Bar da Fiore.

Nun gehe man weiter über das Plätzchen und dann nach links in eine lange Gasse, durch welche man immer geradeaus läuft. Nach der Brücke kommt noch die Calle del Cristo mit einem kleinen Knick nach links. Ist diese Gasse nach einer Kreuzung zu Ende, wende man sich nach rechts, dem Schild „per Piazzale Roma“ folgend.
Wer einen Abstecher zum Campo San Polo machen möchte, müsste hier links, über die kleine Brücke und immer weiter geradeaus laufen – bis rechts der Campo San Polo kommt. Das ist der zweitgrößte Platz in Venedig. Ich mag ihn sehr, wollte aber die kleinen Plätzchen, welche gleich kommen werden, gerne mit dabei haben.
Der Rundgang geht hier also rechts und sofort wieder die erste Gasse nach links, auf den Rio terra secondo, wo man einfach geradeaus geht bis zum Campo Sant` Agostin.
Hier muß man sich links halten, über die links liegende Brücke Ponte Donà und durch die Calle Cà Donà o del Spezier gehen. Hat man den niedlichen Campo San Stin erreicht, geht man scharf nach links und durch die kurze, aber breite Calle, welche genausogut ein Ausläufer des Platzes sein könnte. Geht man über die Brücke Ponte San Stin, ist schon das große, runde Fenster der Frarikirche zu sehen. Läuft man noch geschwind die Fondamenta dei Frari entlang und über die rechtsliegende Brücke, so befindet man sich auf dem Campo dei Frari. Die Kirche ist wirklich besonders sehenswert. Das Triptychon von Bellini in der hinteren Seitenkapelle sollte man bei einer Besichtigung auf keinen Fall verpassen.

Die Gelateria Millevoglie
Die Gelateria Millevoglie

Weiter geht es an der Kirche links vorbei Richtung Scuola Grande di San Rocco. Wer sich eher nach einer kleinen süßen Stärkung sehnt, findet in der Gelateria Millevoglie gleich hinter der Frarikirche übrigens auch ganz ausgezeichnetes Eis.
Die Scuole in Venedig sind etwa mit den mittelalterlichen Zünften oder mit den Freimaurerlogen vergleichbar. Die Mitglieder waren meistens reiche, aber nie adelige Bürger, welche entweder einer Minderheit zugehörig waren oder den selben Beruf gemeinsam hatten. Alle Scuole hatten einen Schutzpatron und eine angrenzende Kappelle. Sie widmeten sich wohltätigen Zwecken und manche unterhielten Spitäler oder Waisenhäuser. Zwischen dem 15. Und 18. Jahrhundert wurden die Scuole sehr reich. Im gegenseitigen Wettstreit um die schönsten Gebäude, engagierten sie oft sehr berühmte venezianische Baumeister und Maler. Zu Ende war es mit den Scuole nach dem Sturz der Republik.

Um den Rundgang fortzusetzen, muß man ein kleines Stück zurück rechts an der Frari entlang und durch den Sotoportego San Rocco und am Campiello San Rocco vorbei. Nachdem man über die kleine, schmale Ponte San Rocco und durch die darauf folgende Gasse gelaufen ist, muß man an der Kreuzung nach rechts gehen, dann aber gleich in die erste Gasse links abbiegen. Nach dieser Gasse kommt der Campo San Pantalon, den man schräg nach Rechts, auf die Brücke zugehend überquert. Ist man über die Brücke und durch die Calle de la Chiesa gegangen, kommt man auf den großen Campo Santa Margherita.

Der Campo S. Margherita
Der Campo S. Margherita

Auf diesem bunten Platz herrscht immer viel Leben. Früher gab es hier auch einen eigenen Fischmarkt, darum ist auf dem zentralen Gebäude eine Tafel mit den Mindest-Größenangaben von verschiedenen Fischsorten. Darunter durfte man keine Fische verkaufen, was eine Art Qualitätssicherung in Venedig war. Nachdem im Januar 2020 der vorletzte Fischhändler mit 75 Jahren in Rente gegangen ist, gibt es jetzt nur noch einen einzigen Stand um Fische zu kaufen. Wenn man sieht wie allein der große Fischmarkt am Rialto in den letzten Jahren immer kleiner wurde, ist es wahrscheinlich, dass der Fischmarkt am Campo Santa Margherita auch bald nur noch Geschichte sein wird.

Umgeben ist der Campo Santa Margherita von sehr vielen Bars, Restaurants und Cafés. Wird man allerdings von der Qual der Wahl vollkommen erdrückt, so betrete man einfach das „Café“ mit dem roten Eingangsbereich. Es scheint immer sehr voll, und in Italien kann man noch davon ausgehen, dass dort wo viele Leute sind, auch Gutes zu finden ist.

Nach der Stärkung geht man über den Platz weiter, schräg nach links Richtung Accademia, San Marco auf den Rio terra`Canal. Am Ende dieses zugeschütteten Kanals über die rechts liegende Brücke, um links das einzige Schiff Venedigs zu sehen, auf dem man gutes Obst und frisches Gemüse kaufen kann. Am Schiff vorbei kommt man auf den Campo S. Barnaba, dessen Eindruck hauptsächlich von einem riesigen Gebäude mit der Aufschrift D.O.M. geprägt wird.

In der Nähe des Campo San Barnaba kann man frisches Gemüse direkt vom Schiff kaufen
In der Nähe des Campo San Barnaba kann man frisches Gemüse direkt vom Schiff kaufen

Nach rechts geht man quer über den Platz und durch den Sotoportego del Casin del nobin. Nach der folgenden Brücke läuft man entlang des Rio de la Toletta. In der links liegenden Libreria alla Toletta sind oft reduzierte Bücher zu bekommen. Braucht man aber Werke zu Venedig, geht man am besten in die Calle Paradiso bei S.M. Formosa. Am Ende des Fondamenta biegt man nach links in Richtung der Accademia in eine belebte Gasse ein.
Selbst wenn man eigentlich keinen großen Hunger verspürt, sollte man ernsthaft in Erwägung ziehen in der Bar alla Toletta ein paar Tramezzini zu schmausen. Sie sind wirklich ausgezeichnet, immer frisch und es gibt eine gute Auswahl.
Nach der Ponte delle Maravegie geht man nach links und kommt nach der zwangsläufigen Rechtsbiegung in die Calle Contarini Corfù.

Die Gasse verläuft schräg nach links und mündet in die Calle Gambara, durch welche man auf den Campo della Carita` kommt, direkt zu Füßen der großen Accademia-Brücke. Nur ein paar Stufen die große Accademia-Brücke hinauf hat man einen sehr guten Blick auf den Canal Grande und die Salute Kirche, ein sehr beliebtes Fotomotiv…

Gondolieri auf dem Campo S. Vio
Gondolieri auf dem Campo S. Vio

In der Galerie der „Accademia“ sind in riesigen Sälen viele Bilder der alten venezianischen Künstler zu sehen. Weiter geht man rechts an der Brücke vorbei, in die erste Gasse abbiegend und über die Brücke. Vor sich hat man nun den Campo San Vio, auf welchem mehrere Bänke mit Blick auf den Canal Grande zum Verschnaufen einladen. Besonders mit schweren, harten Schuhen bekommt man auf dem Pflaster Venedigs rasch Rückenschmerzen.

Nun geht man erfrischt weiter, in die Calle del la Chiesa. Auf der Fondamenta venier dai Leoni, welche man nun entlang geht, stehen oft Maler, um ihre Bilder zu verkaufen. Am Ende der Fondamenta muß man sich nach links wenden. Hier befindet sich die sehr sehenswerte Peggy-Guggenheim-Collection mit moderner Kunst.

Nach der Calle San Cristofolo und der Brücke Ponte San Cristofolo kommt man auf den Campiello Barbaro, an dem man links vorbei geht, um dann immer geradeaus nacheinander durch die Calle Barbaro, den Ramo del Barbaro, über die Brücke und durch die Calle del Bastion zu gehen. Nach der Calle San Gregorio sieht man auf dem Campo San Gregorio eine schlichte gotisch-arabische Backsteinkirche. Hier sollte man links in die Calle de`l`Abazia und durch den Sotoportego de`l`Abazia gehen. Nach der kleinen Holzbrücke kommt man auf den Campo della Salute.

Abendstimmung an der Riva degli Schiavoni

Ist die wirklich sehenswerte Chiesa Santa Maria della Salute mit ihrem großartigen Mosaikfußboden gerade geschlossen, hat man trotzdem eine ausgezeichnete Aussicht über den Canal Grande und in Richtung San Marco.
Zurück zum Ausgangspunkt auf den Markusplatz kommt man am einfachsten mit dem Vaporetto der Linie 1, direkt am Fuß der Salute Kirche. Es gibt auch eine Traghetto-Gondel (Station: Dogana), welche aber leider nur selten fährt.
Wer noch Kraft hat und ein bisschen weiter gehen möchte, kann immer am Canal Grande bis ganz vor, um die Spitze der Dogana herum und am schönsten im Abendlicht bis zur nächsten Vaporetto Haltestelle die Zattere entlang flanieren.

Venedigs Herausforderungen

Venice main issues are environmental. But the city has to face as well many social and economical challenges towards a sustainable future.
Flooding („aqua alta“), water pollution and crumbling foundations on the one hand – missing jobs, high rents and the lack of comprehensive urban concepts and perspectives on the other hand.

Das was Venedig so einzigartig macht, ist auch gleichzeitig der Grund für seine größten Probleme. Als eine sehr alte Stadt, komplett umgeben von Lagune und im ständigen Austausch mit dem Meer, sind die Themen und Herausforderungen Venedigs vor allem ökologischer Natur. Neben dem Schutz und Erhalt der Stadt sind aber auch stadtplanerische und wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen sehr wichtig. Hier möchte ich nun kurz erläutern, welche Probleme Venedig am meisten bedrängen und wie es um die Stadt bestellt ist.

Die ökologischen Probleme Venedigs sind vor allem nach dem Ersten Weltkrieg aufgetreten. Die Lagune wurde immer kleiner, durch Trockenlegungen für Industriegebiete aber auch um Flächen für den neuen Flughafen zu schaffen. Landwirtschaft und Fischzucht erforderten weitere Großgebiete, so dass inzwischen nur noch etwa zwei Drittel von der ursprünglichen Fläche übrig geblieben sind.
Zur Verringerung der Lagunenfläche kommt eine massive Verschmutzung des Wassers, die hauptsächlich durch giftige Abwässer der Ölindustrien am Festland entsteht. Aber auch durch das Problem der maroden Kanalisationssysteme, welche z.T. noch aus der Zeit Napoleons stammen.
Die Gefahr der Verschmutzung des Wassers und der Stadt, welche durch den regen Schiffsverkehr noch verschärft wird, besteht einerseits für das Leben der bis dahin artenreichen Tier- und Pflanzenwelt in der Lagune, anderseits für die Stadt ganz unmittelbar. Die jahrhundertealten Fundamente, auf denen die marmorne Pracht lastet, sind dem Wasser völlig ausgesetzt und werden durch die Schadstoffe angegriffen. Die mit Baumstämmen stabilisierten Fundamente verrotten inzwischen immer schneller, werden morsch und bilden für so manchen Palazzo keinen sicheren Grund mehr.

Fast jeden Tag laufen große Kreuzfahrtschiffe Venedig an

Die verheerenden Hochwasser in den letzten Jahrzehnten, welche heute durch Sirenen angekündigt werden, schrecken die Weltöffentlichkeit zwar immer wieder kurz auf, haben aber keinen grundlegenden Bewusstseinswandel zur Folge. Das liegt auch an der Unkenntnis und Bequemlichkeit der Politiker in Rom und in der Region Venetien: Selbst die unzweifelhaft bestehende Gefahr des Hochwassers hat ja nur zum Teil die globale Erwärmung und das Schmelzen des polaren Eises als Ursache.

Durch unterlagunische Brunnen entnahmen die Industrien jahrzehntelang Wasser; dadurch senkte sich mit dem Grundwasserspiegel auch der Boden der Lagune immer weiter ab und die „schwimmende Stadt“ rutschte irreparabel in nur 20 Jahren über 10 cm tiefer. Inzwischen holt man sich das Wasser aus den Flüssen Sile und Tagliamento, welche auch die öffentlichen Wasserleitungen speisen. Das chronische Absinken Venedigs ist so begrenzt, durch den steigenden Meeresspiegel bleibt die Gefahr von Überschwemmungen aber weiterhin bestehen.

Helden des Alltags: Jeden Morgen wird Venedig durchgefegt und täglich kommt die Müllabfuhr

Erschwerend kommt schließlich noch hinzu, dass die Lagune heute viel weniger Stauraum bietet als früher. So gibt es kaum noch Pufferzonen und ohne die mildernde „Schwammwirkung“ der ausgedehnten Lagunenflächen und durch die großen Fahrrinnen für Kreuzfahrtschiffe und Öltanker kann das Wasser vom Meer viel unmittelbarer auf die Stadt zuschießen als zur Zeit der Serenissima. Damals wurde die Wucht der nahenden Fluten noch durch viele verzweigte Kanäle in den Weiten der Lagune aufgefangen. Erreichte der erhöhte Pegel dann schließlich die Stadt, war zumindest die Stärke der Wellen gebrochen und das Wasser konnte nicht so ungestüm zerstören wie zum Beispiel im November 1966 oder im November 2019: Die bisher verheerendsten Hochwasser dauerten mehrereTage. Mit 1,94 bzw. 1,87 Meter über normal wurde Venedig von einer stinkigen Salzwasserbrühe überflutet, welche sich dabei in Mauern und Ritzen absetzte, Marmor in brüchigen Kalk auflöste und verputzte Wände in Backsteinruinen verwandelte…

Spezialschiff für Einbau und Wartung der Schleusen des gigantischen MOSE Projektes

Gerade in den Wintermonaten ist „Acqua alta“, wie man in Venedig sagt, fast schon Normalität. In den letzten Jahren kommen die Hochwasser jedoch immer früher im Jahr. Manchmal stehen schon im Oktober große Teile der Stadt unter Wasser und auch frisch renovierte Häuser sehen nach ein paar Jahren von unten bereits wieder stark angefressen aus. Abgesehen von den Schäden an den Häusern, schränkt Hochwasser das alltägliche Leben natürlich auch extrem ein. Man kann sich nur noch auf schmalen Holzstegen durch die Stadt bewegen und gerade die meistens ja ebenerdigen Ladenlokale und Restaurants sind zuallererst betroffen.
Die Umweltorganisation „Italia Nostra“ und die meisten Bewohner Venedigs sind der Meinung, dass die wichtigste Maßnahme zum Schutz der Stadt im Auffüllen der tiefen Fahrrinnen liegt, welche die Lagune für die großen Kreuzfahrtschiffe und Öltanker durchfurchen. Dem Projekt MOSE (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) stand man in Venedig teilweise skeptisch gegenüber. Das MOSE ist eine riesige Maschine, die im Falle einer Überschreitung des Normalpegels wie ein Tor zugeht und die Lagune vom Meer abschließt, so dass der Wasserspiegel in Venedig abgeschottet unter dem Meeresspiegel der Adria bleiben kann.
Nach über 16 Jahren Bauzeit, etlichen Milliarden Euro Kosten und einigen massiven Korruptionsskandalen ist das MOSE mittlerweile fertig und hat im Oktober 2020 sein erstes Hochwasser abgewehrt.

Kanalarbeiten in Venedig
Ein Kanal wird ausgepumpt und gründlich saniert.

Obwohl der Tourismus die Haupteinkommensquelle der Stadt ist, verdienen die privaten Unternehmen an den Besuchern am meisten. Deswegen ist die Idee ein Eintrittsgeld für Venedig zu verlangen sinnvoll.  Mit beispielsweise 5 Euro zusätzlicher „Kurtaxe“ von allen Tagestouristen wäre der Stadt schon sehr geholfen – sofern das Geld dann auch in die richtigen Projekte und Ideen fließt. Durch die vielen Millionen Gäste jährlich käme ein Budget zusammen, dass zum Beispiel für Renovierungsarbeiten oder Kanalsäuberungen sehr hilfreich wäre. Und auch die Wartung und Instandhaltung des MOSE wird auf lange Sicht sehr aufwendig und teuer.

Obwohl all diese Probleme die Stadt bedrängen, gibt es aber auch immer wieder Hoffnungsschimmer. An vielen Stellen Venedigs kann man beobachten, dass Kanäle gesäubert, Fundamente restauriert oder Fassaden renoviert werden. Eine spezielle Schule auf der Insel San Servolo arbeitet schon seit 1977 daran, Handwerker für den Denkmalschutz auszubilden. Die Studenten bekommen hier ein vertieftes Wissen über alte und modernen Techniken, Rezepte und Werkzeuge des Restauratoren-Handwerks.

Ein alter Kran im Arsenale

Außer mit den ökologischen Problemen hat Venedig auch mit wirtschaftlichen zu kämpfen. Nachdem Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien entdeckt hatte, begann der allmähliche Abstieg Venedigs. Die alten venezianischen Handelswege waren nun nicht mehr so interessant. Die traditionellen Industrien, wie zum Beispiel Glas-, Fischerei, Schiffs- und Waffenindustrie, konnten nicht ausreichend Arbeitsplätze anbieten. Das Arsenal, mit seinen Fabriken und Werkstätten einst das Herzstück der Seemacht Venedigs, wurde mit dem Niedergang der Serenissima immer unwichtiger – bis es schließlich 1916 endgültig seine Pforten schloß. Gab es zum Ende der Republik noch zirka 140.000 Einwohner in Venedig, so leben heute knapp 60.000 im historischen Zentrum. Mit den Einwohnern verschwinden auch die traditionellen Betriebe und alte venezianische Geschäfte. Allein in den letzten zwanzig Jahren habe ich erlebt wie nicht nur unser Bäcker und der Milchladen verschwunden sind, auch der Fischmarkt wurde immer kleiner und heute findet man kaum noch die Hälfte der Fisch- und Gemüsehändler hinter dem Rialto.

Porto Marghera bei Mestre auf dem Festland ist ein riesiges Industriegebiet

Die Entstehung immer neuer Industrien am Festland um Venedig brachte einen ökonomischen Aufschwung für die Region, der allerdings auf lange Sicht auch viele neue ökologische Probleme schuf. Porto Marghera ist eines der größten, denn mit seinen gefährlichen petrochemischen Anlagen stellt es eine immer drohende Katastrophe dar.
Durch die fehlenden Arbeitsplätze im historischen Zentrum und manche Einschränkungen, wie zum Beispiel ganz profan auch fehlende Autoparkplätze, besonders aber durch die maßlos überteuerten Mietpreise, findet eine Verschiebung der Bevölkerung aus Venedig auf das Festland nach Mestre und in die umgebenden Städte statt. Doch auch dort ist nicht alles rosig und es gibt nicht genügend Arbeitsplätze. So müssen die Venezianer noch weiter entfernt suchen, noch länger zur Arbeit pendeln und in Venedig wohnen zu bleiben wird immer schwieriger.

Die Hoffnung vieler liegt auf einer Wiederbelebung des Hafens und dem Ausbau der Personenschifffahrt, was durch die damit einhergehenden Umweltprobleme aber ein zweischneidiges Schwert ist. Andere meinen, dass mit dem Ausbau des Bankensektors neue Arbeitsplätze in der Stadt entstehen könnten; tatsächlich ist aber der Tourismus mit Abstand das stärkste Zugpferd. Über die Jahre fällt es wirklich sehr auf, dass in der Stadt überall neue Hotels entstehen. Selbst in einst finsteren Seitengässchen findet man plötzlich ein neues „Albergo“ und so manch verfallener Palast wird zum schmucken Hotel und funkelt plötzlich in neuem Glanz. Auch sehr viele Wohnungen werden inzwischen über Internetportale ausschließlich an Touristen vermietet und stehen ansonsten viele Tage im Jahr leer. Fraglich bleibt, wer von den ganzen Besuchern eigentlich profitiert, ob dadurch wirklich auch neue, gute Arbeitsplätze in der Stadt entstehen und ob auch beispielsweise Handwerksbetriebe, kleine und alteingesessene Geschäfte und Dienstleister etwas von dem Kuchen abbekommen.

Nur zu Fuß und mit dem Schiff ist der Weg zur Arbeit für viele Venezianer aufwändig

Immer wenn man irgendwo eine frisch verputzte Fassade oder einen gerade gereinigten Kanal sieht, bekommt man das Gefühl, dass es mit der Stadt aufwärts geht. Aber es ist wichtig Venedig nicht nur zu konservieren. Neben dem Schutz und Erhalt der Paläste und Kanäle gilt es auch, die Stadt auf eigene Beine zu stellen. Ein ganzheitliches stadtplanerisches Konzept für Venedig ist tatsächlich eine echte Herausforderung! Wünschenswert wäre aber, dass Venedig auch als Stadt lebendig bleibt, kein reines Museum wird, sondern ein lebenswerter Ort mit hoffnungsvollen Perspektiven und wirtschaftlich freien Einwohnern.