ORWO TC27

Berglabor und Fotoexperimente aus den Dolomiten

Mit vollem Rucksack bin ich im Juli in die Berge gefahren. Im Gepäck hatte ich jedoch nicht nur alle meine Lieblingskameras, sondern auch Wechselsack, Caffenol, Fixierer und Entwicklungsdöschen.

Ewig zu warten, bis man seine Ausbeute begutachten kann, erschien mir keine gute Lösung. Deswegen war sogar ein Reise-Scanner mit dabei. So hatte ich ein kleines, aber komplettes Berglabor und konnte drei Wochen lang ungestört arbeiten, Fotos machen und die Filme direkt entwickeln und anschauen.

Mir macht es sehr viel Spaß, neue Filme auszuprobieren. Dabei recherchiere ich vorher den Stil eines Films und versuche passende Themen und Motive zu finden. Filme mit stark S-förmiger Gradationskurve sehen beispielsweise oft besonders düster aus. Manche Filme schillern in silberigem Glanz und erinnern an alte Kinolegenden. Es gibt aber auch solide, robuste Klassiker wie den Kodak Tri-X 400. Das ist dann vielleicht langweiliger, funktioniert aber und liefert zuverlässige Ergebnisse.

Mein Caffenol-Rezept ist inzwischen ausgiebig erprobt und funktioniert eigentlich mit allen Filmen.

Caffenol-C-L
300 ml Wasser
5 g. Wasch-Soda
3 g. Vitamin C
12 g. Löslicher Kaffee
1 Meßlöffel (0,5-1 g.) Kaliumbromid

300 ml passen genau in eine kleine Jobo Filmentwicklungsdose. 70 Minuten Entwicklungszeit sind es bei 20 Grad. Die ersten 10 Minuten hin und wieder bewegen und vorsichtig schütteln. Anschließend 60 Minuten einfach nur stehen lassen.

Der Vorteil dieser Semi-Stand Entwicklung ist, dass sich das Caffenol anfangs gleichmäßig verteilt, danach wirkt der Entwickler aber ausgleichend. Ich habe das Gefühl, dass sich der Film nimmt, was er braucht. Caffenol C-L ist außerdem durch das wenige Soda nicht so stark und mit der langen Zeit von 70 Minuten ist es ein gutmütiges Entwickeln, welches manche Fehler verzeiht.


Hier die ersten Ergebnisse aus dem Berglabor. Morgendliche Schafherde auf dem Weg zur Alm und ein etwas makaberes Stillleben mit toten Mäusen und verwitterter, bemooster Barbiepuppe, die ich im Wald gefunden habe.

Eigentlich unfair zu erwähnen, dass es ein CFP Double-X Kinofilm ist, denn ich habe ihn so verhunzt, dass spezifische, filmimmanente Qualitäten keine Rolle mehr spielen. 

Fatal war: Ich hatte keinen Messbecher und nur ein zu kleines Marmeladenglas. Da ich mein frisch angerührtes Caffenol ohne Vorwässern nicht in einem Rutsch, sondern in zwei Anläufen in das Entwicklerdöschen geschüttet habe, ist eine unschöne Linie über den ganzen Film entstanden. Gleichmäßiges Eingießen und sanfte Bewegung am Anfang des Entwicklungsprozesses sind, wie man sieht, essenziell.


Umso feiner ist der nächste Film geworden. Tatsächlich ist es einer meiner Lieblingsfilme, der ORWO DN21. Weil er nur 16 ISO hat, kann man auch bei helllichtem Tage mit weit geöffneter Blende fotografieren und das Jupiter 9 Objektiv kann mit ihm seinen ganzen Charme entfalten.

Hier eine Auswahl mit dem ORWO DN21. Die Bilder wirken fein, scharf, hell, freundlich und besonders auch in den Mitten differenziert. Es ist ein fabelhafter Film für sonnige Ferientage mit einem lichtstarken Objektiv. 

Die Ergebnisse des ORWO DN21 wirkten so exquisit, dass ich sie zuhause mit einem guten Scanner nochmal eingelesen habe um genauer hinzuschauen. Tatsächlich ist er so superfein, dass man kaum noch Korn erkennen kann und selbst an weniger dichten Stellen findet sich noch eine erstaunliche Tiefe mit Bildinformationen.


Der ORWO P400 ist ein grober Film, der dadurch viel Charakter haben könnte. Leider ist aber auch das Trägermaterial sehr dünn und so habe ich in meinem doch eher rustikalen Berglabor beim Abstreifen direkt den ganzen Film zerkratzt.

Durch seine Körnigkeit hat der ORWO P400 einen ganz besonderen Look. Das Bild wirkt beinahe luftig und atmend. Wolken, Nebel, Silhouetten könnten damit wunderbar wirken.


Der ORWO TC27 ist eigentlich ein Verkehrsüberwachungsfilm mit Potenzial im Infrarot Bereich. Er hat zwar feines, aber doch deutliches Korn und ist 400 ISO schnell. Auf mich wirkt er teilweise etwas gräulich, wenn nicht sogar melancholisch und erinnert z.B. an eine Vorort-Reportage, an Pommes und Dosenbier mit wenig Glamour… Stimmungsmäßig eher wie ein Verwaltungsakt, wie ein Blitzerfoto oder wie eine Dokumentation aus alten, vergangenen Tagen.

Über den beinahe frugalen Look des ORWO TC27 habe ich mich sehr gefreut. Ein so schillerndes Bokeh, wie ich es bei den filigranen Gräsern am Bachlauf gemacht habe, hätte mit jedem anderen Film kitschig werden können. Hier wirkt es aber erstaunlich unprätentiös. Die Einsamkeit und leicht wehmütig anklingende Abendstille eines entlegenen Bergdorfs passt auch gut zu diesem Film, finde ich. 


Einmal Innehalten und den kleinen Dingen Achtsamkeit schenken. Was klingt wie eine Weisheit aus der Meditationsapp im Smartphone habe ich auf fünf Metern Waldweg probiert. Ein solider, zuverlässiger Film dafür ist der Kodak Tri-X 400. Unten auf dem Waldweg ist das Licht auch tagsüber eher schummrig und das besondere am Tri-X 400 ist der erstaunliche Dynamikumfang, vor allem auch in den Mitten. Man kann eigentlich nicht viel falsch machen, ich finde es einen echten Allrounder und fein ist er obendrein auch noch.

Hier eine Auswahl mit besonders feinen Fotos mit dem Kodak Tri-X 400. Wenn man ins Kleine geht, eröffnen sich auch auf einem kurzen Stückchen Waldweg viele neue Welten. 


Das Sahnehäubchen zum Schluss. Es ist das fünfte Mal, dass ich einen JCH Streetpan ausprobiere. Es ist ein schneller Film, mit 400 ISO und einem enormen Dynamikumfang. In Caffenol ist er mir leider nie geglückt und ich hatte bisher wenig Glück: Zu heiße Entwicklung, Natron statt Waschsoda… Diesmal, meine Sommerzeit in den Bergen war schon fast vorüber, wollte ich es nocheinmal probieren.

Bergbilder des JCH Streetpan. Wolken, Morgensonne Wasserfälle und Abendlicht. Ein vielfältiger und edler Film mit großem Dynamikumfang. 

Wenn man ihn ganz leicht unterbelichtet, erinnert das samtige Mattschwarz des JCH Streetpan fast an eine Kohlezeichnung. Das Korn hat etwas Puderiges. Das Bild wirkt durch die Breite an dunklen Grautönen schwebend, als könnte man es mit einer Hand verwischen. Wolken kommen besonders dramatisch heraus. Allerdings ist auch das silbern glänzende Dolomitgestein, welches in Wirklichkeit freundlich und hell scheint, dunkel und mystisch.


Am Ende eine kleine Vorgeschichte. Der Auftakt für mein Berglabor…

Letztes Jahr im Winter war ich schon einmal in den Bergen und habe versucht dort nicht nur analoge Fotos zu machen, sondern den Film anschließend auch direkt zu entwickeln und zu digitalisieren. Nur hatte ich damals nichts dabei. Nur meine Zorki zum fotografieren.

Erstes Berglabor: Versuch einen Film im Topf mit Kaffee zu entwickeln und mit normalem Kochsalz zwei Tage lang auf dem Ofen zu fixieren. 

In einem abgedunkelten Zimmer zog ich den Film aus der Kamera und legte das ganze Band in einen großen Kochtopf mit meiner Caffenolmischung. Das war damals das Delta-Rezept, welches schneller geht. 15 Minuten versuchte ich dann mit Gummihandschuhen vorsichtig den Film im Kochtopf zu bewegen, bis alles benetzt und entwickelt war. Schließlich legte ich ihn kurz in eine Schüssel mit etwas Essigwasser und zum Wässern in einen Eimer.

Mit Kaffe entwickelter Film zum Fixieren in Salzlösung

Auf dem Herd habe ich versucht, so viel Salz wie möglich in einem Liter warmem Wasser zu lösen. In dieser übersättigten Salzlösung habe ich anschließend den Film zwei Tage lang auf dem Kachelofen fixiert und hin und wieder durchgeschüttelt.

Ein Fehler war, dass das Fixierbad im Gurkenglas nicht lichtdicht war. Tatsächlich darf ein Film nach der Entwicklung noch nicht sofort ans Licht! Erst nach einer Weile im Fixierbad ist er nicht mehr empfindlich. So ist mein erster Filmentwicklungsversuch sehr dunkel geworden. Dennoch hat es funktioniert und es ergaben sich Negative, welche ich am Fenster gegen das Licht mit einer kleinen Digitalkamera abfotografieren konnte.

Zu Hause mit Wechselsack und Filmentwicklungsdose habe ich ein zweites Mal versucht, ob man einen Film in gesättigter Salzlösung fixiert bekommt. Es wäre einfach so cool, nur mit Hausmitteln… Diesmal ist der Film sehr schön geworden.

Nach ein paar Wochen habe ich ein Stück des Films wieder hervorgeholt und mit einem feinen Pinsel und KODAK Xtol Entwickler ein kleines X auf ein leeres, in Salz fixiertes Negativ gezeichnet. Leider wurde die Spur sofort sichtbar. Der Film war nicht richtig fixiert. Also auch wenn es zum Scannen und sogar Printen in der Dunkelkammer ausgereicht hat – wirklich sicher und haltbar ist das Ganze nach meiner Beobachtung leider nicht.

Zweiter Versuch. Winter in den Bergen. Mit Caffenol entwickelt und in Salz fixiert. Aber diesmal mit Filmentwicklungsdose. 


Fotografieren auf Reisen macht sehr viel Spaß. Aber auch wenn man zu Hause ist, kann man viel erleben und nicht nur Experimente machen. Oft ergeben sich daraus tatsächlich schöne, besondere Fotos und ganz neue Blickwinkel auf die eigene Stadt.

Über meine fotografischen Eskapaden in Bonn habe ich einen inzwischen sehr umfangreichen Beitrag mit vielen Hunderten Fotos geschrieben. Wer möchte, ist herzlich eingeladen zum Stöbern, Lesen und Fotos angucken: Bon(n) ExpérimentalFotos aus Bonn