Flanieren in Remscheid

Wie erschließt man sich eine Stadt? Für mein Referendariat zum Kunstlehrer mußte ich nach Remscheid. 18 Monate habe ich eine Wohnung gemietet und in dieser Zeit regelmäßig Streifzüge durch die Stadt gemacht.
Manchmal zielgerichtet, manchmal auch einfach nur um abzuschalten. Feierabendspaziergänge, Stadtwanderungen…
Am Anfang hatte ich noch kein konkretes Bild von Remscheid. Jetzt, nach meiner Zeit im Bergischen Land, kann ich tatsächlich mit einem dankbaren Blick zurückschauen und ehrlich sagen, dass es mir dort gefallen hat. 

Sonne in Remscheid

Die Menschen im Bergischen Land sind sehr herzlich und ich hatte oft den Eindruck, dass sie durch das verregnete Wetter und die langen kalten Winter viel zuhause sind. Wenn sie sich dann doch begegnen, so sind die Begegnungen oft etwas verbindlicher, voll freudigem Interesse und durch echten Austausch etwas besonderes.
In Remscheid begrüßt man sich mit „Hallöchen!“ Das kannte ich so vorher auch noch nicht. Autos sind hier wichtig und man sieht ungewöhnlich viele SUVs.

Es gibt supergemütliche traditionelle bergische Häuschen mit grünen Fensterläden und prächtig blauen Hortensien im Garten. Remscheid hat schicke Ortsteile: Lennep ist wirklich ein Kleinod. Auch in Ehringhausen, Lüttringhausen und um den Stadtpark herum gibt es sehr schöne Ecken. Die Hindenburgstraße im Zentrum lädt zum Bummeln ein und selbst in Hasten, wo ich gewohnt habe, gibt es große schöne Häuser und sehr manierliche Wohngebiete mit liebevoll gepflegten Gärten.

Architektur:
Plätze und Orte in Remscheid

Dennoch ist Remscheid nicht so ohne weiteres zugänglich. Es ist wie auch Wuppertal und Solingen eine ziemlich verregnete bergische Industriestadt. Das Stadtzentrum thront oben auf dem Berg und dann geht es in alle Richtungen hinunter ins Tal. Bekannt ist Remscheid als Geburtsort Wilhelm Conrad Röntgens und als Ort, an dem exzellentes Werkzeug produziert wird. Beispielsweise von Hazet oder Gedore. Auch die Heizkessel der Firma Vaillant sind bekannt.

Wald und Wiesen um Remscheid

 

Mitten im Zentrum der Stadt liegt das von Jung und Alt gut besuchte Allee-Center, ein großes überdachtes Einkaufszentrum. Vor dem Rathaus findet regelmäßig ein gemütlicher Wochenmarkt statt. Trotzdem ist Remscheid keine kompakte Stadt und für mich als Flaneur ein ziemlich diffuses Gebilde aus steilen Bergstraßen, schmalen und kaputten Gehwegen, vielen kleinen Pfaden, einer Mischung aus Fabrikantenvillen, Nachkriegsarchitektur, Gewerbebrachen und zweckmäßigen, grauen Wohngebieten. Es gibt Straßen, die plötzlich enden. Unterführungen, die man nicht zu Fuß durchqueren sollte. Enge Treppen und Abkürzungen zwischen Gärten und Wäldchen hindurch und hinter wetterfest mit Schiefer verkleideten Häusern entlang. Am Stadtrand liegen schließlich riesige Wiesen. In den Tälern und Siepen ist überall viel Wasser, gesäumt von alten Eisen verarbeitenden Hammerschmieden. Es gibt riesige Talsperren und mein persönliches Highlight ist die großartige Müngstener Brücke nach Solingen, die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands.

Die Müngstener Brücke

In Remscheid flaniert man eigentlich nicht. Um sich ziellos treiben zu lassen, braucht es eine gewisse Dichte und einfache Begehbarkeit des Stadtraums. Das gelingt teilweise auf der Hindenburgstraße oder auch auf der Werkzeugtrasse. Meistens muss man jedoch sehr genau schauen, wo man hinläuft und die engen zugeparkten Gehwege sind voller Stolperfallen. Die Gefahr von vorbeirauschenden Autos überfahren zu werden, ist leider sehr real.
Flanieren in Remscheid heißt vor allem, Hänge hinauf und wieder hinabzusteigen. Zwischen Garagen, Gewerbegebieten, an breiten Straßen entlang, unter der Autobahn hindurch, über Parkplätze und durch graue, oft nur wenig einladende Wohngebiete durchquert man die Stadt und ist dabei meistens der einzige Spaziergänger weit und breit.

Ein Schneetag in Remscheid

Wer in Remscheid fotografiert, muss das Sehenswerte erst suchen. Den Blick fesseln beispielsweise Straßen, die durch ihr steiles Gefälle scheinbar direkt in den Himmel führen. Oder die Struktur und die verwaschenen Grautöne der wettergegerbten Hausfassaden. Reihen gleichförmiger Garagentore. Autos: Bunte Autos faszinierten beispielsweise bereits den bekannten Remscheider Fotografen Volker Döhne. Auch ein sonniger Moment zwischen den schier endlosen grauen Wintertagen hat mich immer wieder mit meiner Kamera raus gelockt …
Solche Motive funktionieren nicht direkt als touristische Postkarte und wurden entsprechend nie mit einem fotografischen Kanon belegt. Man muss sie sich selber erschließen. Es gibt nur wenige Wahrzeichen; aber natürlich habe ich trotzdem wacker versucht, auch möglichst „typische“ Ansichten zu finden. Dennoch war Remscheid schließlich sehr viel eigene, ganz persönliche Entdeckungsarbeit. Und so kommt es, dass ich die Ergebnisse schließlich für meine persönliche Entwicklung zum Fotografen besonders interessant finde. 

Himmel über Remscheid

 

Das Flanieren und Fotografieren in vergleichsweise peripheren, diffusen Stadtlandschaften wie Remscheid stellt hohe Anforderungen an den Blick. Es verlangt eine Sensibilität, die sich nicht auf vorhandene Schemata stützen kann. Das Zufällige und Ephemere wird so auch aus dem Mangel an offensichtlichen Motiven heraus zur Methode und genau daraus entwickelt sich eine besondere Herausforderung und ein ausgezeichnetes Übungsfeld für die eigene fotografische Praxis.

Remscheid im Dunkeln

 

Wer als Flaneur oder Flaneuse durch Remscheid streift, ist kein Connaisseur und Müßiggänger im Sinne des 19. Jahrhunderts, der mit Kennerblick die Moden, Umbrüche und gesellschaftlichen und strukturellen Transformationsprozesse pulsierender Metropolen liest. Man muss das Konzept des Müßiggangs, das Spazierengehen, das aufmerksame Umherschweifen und sich durch die Stadt treiben lassen weiter fassen.
Flanierend fungiert man eher wie ein subjektiver Sensor. Die Eigenarten von Remscheid sind ja nicht direkt hässlich. Aber eben manchmal auch nicht unbedingt schön. Sie sind, was sie sind. Und so finden sich in den Fotos schließlich auch nicht unbedingt die einzelnen Sehenswürdigkeiten, sondern die Stadt an sich wird zum Gegenstand.

Die Idee, „das Zeitlose im Flüchtigen zu destillieren“, beschreibt im Kern auch die Ästhetik von Charles Baudelaire und sein Verständnis von moderner Kunst. Die Aufgabe von Kunstschaffenden ist, die Schönheit, die Seele der Dinge aus der vergänglichen Gegenwart herauszufiltern. Der Flaneur und die Flaneuse, als Fotografierende und Kunstschaffende, erschließen sich die Stadt, beobachten und reflektieren sie. So können sie im Alltäglichen etwas Wesentliches entdecken. Kunstschaffende filtern die Erscheinungen der Stadt, fangen sie ein und verwandeln sie in Kunst.
Die Bilder, die dabei entstehen, sind schließlich weder Dokumentation noch völlig freie Phantasieprodukte. Sie sind die emphatischen Ergebnisse eines visuellen Erkenntnisgewinns. Eine Art optischer Denkprozess über das Wesen der Stadt. In diesem Fall Remscheid.