Was verbindet die Menschen in Europa?

Mit Fotos möchte ich verstehen, welche Chancen und Perspektiven Europa hat und was uns verbindet. Dafür bereise ich gezielt Länder in Europa, die nicht zur EU gehören. Wie geht es den Menschen dort? Welche Ziele und Möglichkeiten haben sie? 

Durch diesen Perspektivwechsel hoffe ich, mehr über das Wesen Europas zu erfahren.
Hier sind nun Fotos aus Kiew, Sarajevo, Georgien und Istanbul ausgewählt.

Wie sind die Fotos entstanden?

Fotos sind nie objektiv. Jede Aufnahme setzt einen bestimmten, persönlichen Fokus. Die Subjektivität meiner Fotos wird durch ungewöhnliche Perspektiven, Lichtreflexionen, die Vignette der alten Objektive und manchmal auch durch die Körnigkeit und Farbigkeit der Filme zusätzlich betont. Ich mag die Materialität des Fotos an sich und suche gezielt Aufnahmen, die durch ihre eigentümlichen Spuren zeigen, dass sie ein Foto sind. 

Im Vorübergehen, bei vielen langen Wanderungen in den Städten fotografiere ich alles, was meinen Blick festhält. Hinterher, zu Hause und mit zeitlichem Abstand entwickele ich die Filme, schaue mir die Bilder an und sortiere die Serien aus dem, was vorliegt. 
Vielleicht haben meine Fotos gerade durch diese Unintentionalität beim Fotografieren und das sich spielerische Einlassen auf die unkontrollierbaren Aspekte der Situation die Möglichkeit, etwas freier und unabhängiger von mir ihre eigene Gestalt zu finden und ein Stück vom Wesen der abgelichteten Motive wiederzugeben.
Ich hoffe, dass durch die Fotoserien über die Zeit ein Klang und eine Ahnung wächst, wie es um die Wünsche, Träume und die Zukunft der Menschen in Europa bestellt sein könnte.

Am äußersten Rand von Europa:
Der Bosporus in Istanbul.
Die Grenze nach Asien ist fließend, oft funkelnd und kann mit der Fähre durchaus angenehm teetrinkend überquert werden. 

Wie ist der Text entstanden?

Es gibt viele gute Gedanken zu Europa. Doch kann man wirklich von einer gemeinsamen europäischen Identität sprechen? Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit sind keine ausschließlich europäischen Werte. Auch das Christentum hat seine Wurzeln nicht in Europa. In der Kunst und Architektur gibt es keinen einheitlichen Stil: Byzantinische Bauwerke in Venedig, maurische Kunst in Spanien, Stabkirchen in Skandinavien …

Statt staatlichen sind es vielmehr regionale Entwicklungen, einzelne Persönlichkeiten und Stilepochen, die Europa geprägt haben. Eine klar abgegrenzte „abendländische Kultur“ hat es in dieser Form eigentlich nie gegeben. Früher haben sich die Menschen auch nicht als „europäisch“ wahrgenommen.

Trotzdem erlebe ich heute, dass mir die Idee eines gemeinsamen Europas ein Gefühl von Sicherheit gibt. Die Wirtschaft und die digitale Welt sind vernetzt. Es gibt globale Probleme, die von einzelnen Staaten nicht mehr alleine gelöst werden können. Dann ist es tröstlich, sagen zu können: „Wir“. Europa als Hort des guten Lebens. Ein Bollwerk gegen die Imperialisten, Tyrannen und Freaks da draußen… 

Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!“ – Jean-Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg

Multilaterale Institutionen wie die EU haben in ihrem Kern meiner Meinung nach etwas sehr Hoffnungsvolles. Ich finde es gut zu wissen, dass wir mit unseren Nachbarn verbunden sind. Es ist wichtig, dass Menschen einfach und unbürokratisch reisen, ihre Familie und Freunde besuchen und Geschäfte machen können und die Welt ist sicherer, wenn wichtige politische Entscheidungen nicht von einzelnen Führern allein getroffen werden, sondern im Austausch miteinander entstehen. 

Am äußersten Rand von Europa:
In Ushguli.
Ein isoliertes Bergdorf im Kaukasus. Wehrtürme, Blumenwiesen, Gletscher und weite Landschaften in Swanetien, Georgien. 

Blühende Bergwiesen, weite Täler und der Gipfel des Schchara über 5000 Meter hoch oben in den Wolken. Wehrtürme, die den Jahrhunderten trotzen, Wachhunde, deren zotteliges Fell mehr an Bären als an Haustiere erinnert. Graue, braune Farben und dunkelgrüne Wiesen. Ushguli fühlt sich sehr an, wie am Rande Europas; irgendwie auch am Rande der westlichen Welt. Hinter den Bergen ist Russland.

Kleine Wanderwege führen einige Kilometer in verschiedene Richtungen durch das Tal oder hoch auf die umliegenden Gipfel – aber es sind nur ein paar Monate im Jahr, in denen alles so zugänglich ist. Auch im Sommer muss ich oben in den Bergen meinen Weg durch einsame Schneefelder suchen. Markierungen gibt es nur selten. Im Winter ist Ushguli oft viele Tage vom Rest der Welt abgeschlossen. Manchmal fällt der Strom aus. Wer hier lebt, muss sich selbst versorgen, gegenseitig unterstützen und in der kleinen Gemeinschaft des Dorfes Regeln, Wege und Absprachen finden, die für alle irgendwie funktionieren.

Ein Augenmerk auf Grün- und Brauntöne. Dunkelgrüne Wiesen, Gletscher, verwitterte Mauern, Felsen und Hundefelle: Die Farben Ushgulis auf verschiedenen Farbfilmen.

Als Gemeinschaft bietet Europa mehr Sicherheit und ist ein lebenswerterer Ort, als es einzelne Nationalstaaten wären, die sich gleichgültig oder sogar feindselig gegenüberstehen.

Um ein Gespür für die Zukunft und die Chancen Europas zu entwickeln, muss man es auch von außen betrachten. Europa ist weit mehr als nur die EU. Um die großartigen Möglichkeiten und das Glück, vereint zu sein, wirklich zu begreifen, sollten wir verschiedene Perspektiven einnehmen. Besonders wertvoll sind dabei die Sichtweisen der Menschen, Städte und Länder an den Rändern Europas. Das waren ungefähr meine Gedanken beim Start dieses Portfolios. 

Straßenfotografie in Kiew: Menschen in der U-Bahn, auf dem Chreschtschatyk, im Park, am Fluss Dnepr, zwischen Denkmälern…

Alle Menschen in Europa teilen eine gemeinsame Zukunft

Europa ist klein. Auf etwa 10,5 Millionen Quadratkilometern tummeln sich historisch schon immer viele verschiedene Menschen. Von Åland bis Andalusien, ob Basken, Bretonen oder Bayern… Jedes Volk hat seine eigene Geschichte, traditionelle Trachten, Brauchtum, kulinarische Spezialitäten und Musik.
Eine Sache teilen jedoch alle Menschen in Europa, und das ist die gemeinsame Zukunft auf engem Raum. Was die Menschen in Europa verbindet, ist der Wunsch, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und die Hoffnung, dass es vorangeht.  „Was verbindet die Menschen in Europa?“ weiterlesen

Kamera mit analogen Filmen

Zum 50. Geburtstag der Zorki

Die Zorki 4K ist seit 5 Jahren meine treue Begleiterin bei allen Fotoabenteuern. Es ist eine robuste, rein mechanische Kamera. Mein Modell wurde 1974 gebaut – dieses Jahr wird meine Lieblingskamera 50! 

Zu diesem runden Jubiläumsgeburtstag möchte ich hier nun ihre besten Fotos zeigen. Die glücklichsten Schnappschüsse, gelungensten Ergebnisse der gemeinsamen Zeit… Es soll sichtbar werden, was die Kamera kann und warum sie meine Lieblingskamera ist. 

Der Geburtstag selbst wurde gebührlich gefeiert: Es gab eine Party mit Ballon, Yes-Törtchen und sogar eigene Briefmarken für die Post im Jubiläumsjahr. Ein Fotobuch hält die 50 schönsten gemeinsamen Erinnerungen fest. 

Die Geburtstagsparty:

Aber wie kann es jetzt weitergehen? Geburtstage haben immer auch etwas mit Zukunft zu tun und die Fotografie ist ein großes Feld!
Hier soll ein Beitrag entstehen, der in den nächsten Monaten und Jahren weiter wachsen kann. Dafür habe ich 50 Impulse gesammelt. Fragen an die Fotografie. Stimuli, die provozieren, triggern, mit denen sich Fotografinnen und Fotografen beschäftigen können und die oft auch wahrlich nicht einfach und kurz beantwortet werden können.

Teil 1:
50 Fotos zum 50. Geburtstag

Die Zorki hat ihren Charakter und das Jupiter 12 Objektiv verleiht so manchem Foto eine eigene Prägung. Aber für mich sind sie das Dreamteam. Würde ich mit einer teuren Leica nachts unbekümmert durch Palermo schlendern? Will ich mehrere Kilo Fotoausrüstung über Mumbais Märkte schleppen? Hält der Akku an einem frostigen Wintertag bei Minus 12 Grad? Können mir Meerwasser und Sand etwas anhaben? Die Zorki hat null Elektronik. Es gibt keine Batterien. Sie ist leicht, ich kann alles einstellen, und vor allem ist sie zuverlässig! Sie funktioniert bei jedem Wetter, schnappt und surrt sauber ihre Zeiten ab, und mit dem praktischen Spannhebel kann ich in besonderen Situationen auch mal schnell viele Fotos hintereinander schießen. 

Die Auswahl der Fotos war schwierig. Was möchte ich zeigen? Worum geht es eigentlich? Fotos können auch angeben: „Schaut mal, wo ich überall war!“ Manche Fotos sind eher private Erinnerungen. Der experimentelle Aspekt ist beim analogen Fotografieren ebenfalls interessant: Abgelaufene Filme, alternative Filmentwicklungsmethoden… 

Mir ist wichtig, dass es nicht nur gute, sondern besondere Fotos sind. Es sollen Fotos sein, über die ich mich richtig freue! Nicht nur, weil sie gelungen sind, sondern weil auch ein bisschen Glück dabei war. Manchmal passiert es. Dann fügen sich die Dinge zusammen und ZACK, hat man genau den richtigen Augenblick erwischt: Eine Straßenszene, ein Blick, Lensflares an der genau richtigen Stelle, die Szene passt perfekt zur Emulsion des Films… Solche Fotos sind wie ein Geschenk. Zu jedem dieser 50 ausgewählten Bilder kann ich etwas erzählen. Es sind glückliche Momente, in denen ich eine Resonanz erlebt habe: Nicht nur ich, sondern die Welt und meine Kamera vereint. Hier sind 50 Fotos, die wir gemeinsam geschaffen haben.

50 ausgewählte Fotos der Zorki 4K:


Teil 2:
50 Impulse zur Fotografie
 

Beginn eines Diskurses: 50 Punkte zur Reflexion 

„Zum 50. Geburtstag der Zorki“ weiterlesen

Fotos und Text. Milano

In diesem Beitrag möchte ich Fotos aus Mailand zeigen. Es sind analoge Fotos, die ich mit meiner alten Lieblingskamera, der Zorki 4K gemacht habe. Aber zusätzlich soll auch ein Text entstehen. Weil eigentlich gibt es viel zu erzählen. Warum ich die Fotos gemacht habe, wieso ich genau sie aus den vielen hundert Fotos ausgewählt habe und weshalb sie mir etwas bedeuten – das alles kann interessant sein. 

Nun ist das Problem jedoch, dass ich angefangen habe, mit einer KI zu arbeiten. Ich habe einen langen Prompt für Chat GPT geschrieben und daraus sind Texte entstanden, die man typischerweise nehmen könnte, wenn man Fotos präsentiert. Nach all diesen Worten fällt es mir jetzt schwer, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Ich möchte gerne, dass mein Text interessant wird und spannend zu lesen ist. Und vielleicht hat die KI ja recht. Schon der vorgeschlagene Titel „Mailand durch die Linse der Zeit“ ist ja mal gar nicht so schlecht. Da ich nun diese fantastischen technischen Möglichkeiten habe, wäre ich nicht dumm, sie nicht zu nutzen?

Zum Start kommen hier meine Gedanken: Ich möchte meine neuesten Fotos aus Mailand präsentieren. Viele Fotos zeigen Menschen, einige jedoch auch Mailand als wirtschaftliches Zentrum Italiens mit Hochhäusern, moderner Architektur und einer sehr guten Infrastruktur. Mir ist es wichtig zu zeigen, wie sich Mailand vom Rest Italiens unterscheidet. Ich habe bereits viele Fotos aus Italien auf meiner Webseite, darunter romantische schöne Städte wie Venedig oder aufregende und lebendige Städte wie Palermo. Mailand ist jedoch anders. Es ist eine moderne europäische Großstadt und eine Wirtschaftsmetropole. Deshalb fand ich vor allem die Menschen interessant: Wie sie abends an den Navigli-Kanälen flanieren, wie sie in der schönen alten Straßenbahn ein Buch lesen oder wie sie elegant gekleidet auf dem Dach des Mailänder Doms so adrett und perfekt gestylt aussehen, dass sie einem Modekatalog entsprungen scheinen. Ich finde auch die Parallelwelten einer so großen Stadt spannend: Z.B. die Lieferboten mit ihren durch etliche Zusatz-Akkus aufgepimpten E-Bikes, wenn sie an der Porta Ticinese auf Bestellungen warten. Digitale Ritter einer neuen Welt…

Menschen in Milano

Beim Teilen von Fotos geht es nicht nur um die Bilder selbst. Das Teilen ist mehr als nur Kommunikation, es ist ebenso ein sozialer Akt und eine Art, sich seiner selbst zu vergewissern. Unser Selbst konstituiert sich auch durch die Art und Weise, wie wir uns mitteilen.

Je nachdem, welche Worte ich finde und wie ich es schaffe, von meinen Erlebnissen und Gedanken zu berichten, baue ich um mich herum mit der Zeit eine eigene, einzigartige Welt. Wenn der Beitrag dann fertiggeschrieben und veröffentlicht ist, wird er zu einem Teil meines Lebens und Erinnerns. Schreiben ist eine Gelegenheit, das Erlebte zu reflektieren und abzuschließen. Speziell das Schreiben im Internet ist vor allem eine Form der Selbstkommunikation, da ich die meisten Besucher meiner Webseite ja gar nicht kenne.

Wie in jeder Kunstform braucht der Mensch auch beim Schreiben ein feines Taktgefühl. Während des Schreibens fühlt man sich fast begleitet von einem kleinen Team unsichtbarer, imaginärer Leser. Man ist beim Schreiben nicht wirklich allein. Worte und Aussagen werden abgewogen, aneinander angepasst und strukturiert, so dass sie letztendlich den richtigen Ton treffen und einen inneren Klang erzeugen, der idealerweise zu den Bildern passt und den Beitrag interessant und gut lesbar macht.

Obwohl ich ein großer Fan schöner Worte und blumiger Ausschmückungen bin, gibt es dabei eine unsichtbare Grenze. Es kann passieren, dass Sprache zu viel wird. Wie Glitzer oder Zuckerstreusel. Dann kippt sie plötzlich um. Manche Sätze der KI klingen für mich einfach nur noch kitschig und die inneren Bilder, die sprachlichen Evokationen wirken falsch. Es ist eine unfreiwillige Ironie. Ich weiß, dass eine künstliche Intelligenz keine Gefühle und auch keine eigenen Erfahrungen hat. Und mit diesem Wissen fühlt es sich dann nicht nur falsch, sondern auch lächerlich an, wenn sie mit großem Getöse über meine grandiosen Erlebnisse in Milano berichtet.
Die folgenden Texte von Chat GPT sind fett, meine Texte normal.
„Fotos und Text. Milano“ weiterlesen

Sizilien

Eine schwarz-weiße Entdeckungsreise durch die Straßen und Märkte von Palermo und Catania. Die ersten warmen Sonnentage am Meer, lebendige Plätze mit Musik, blühende Mandelbäume und Orangenduft. 

Mit meiner Zorki Kamera möchte ich in diesem Beitrag den einzigartigen Charakter von Sizilien näher betrachten. Sizilien ist eine eigene Welt. Die Insel ist anders als der Rest von Italien. Das Essen, die Menschen, die Kultur und Geschichte …

Abenteuer auf dem Straßenmarkt La Fiera in Catania

Als Motiv kommt für mich alles infrage, was das Auge fesselt. Alles, was ich sehe und wo mein Blick hängen bleibt, kann theoretisch ein gutes Motiv sein. 
Indem ich mich bei der Ausrüstung auf eine Kamera mit 35 mm Festbrennweite beschränke, kann ich mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt, und werde nicht von der Technik abgelenkt.

Frischer Fisch vom Fischmarkt in Catania

Jeder Schwarz-Weiß-Film hat eine eigene Ästhetik und kann dazu beitragen, die Stimmung und Atmosphäre eines Ortes oder einer Situation zu verstärken. Durch das Spiel von Hell und Dunkel, die spezielle Gradation, Tonwertabstufung und die Körnigkeit des Films bekommt das Bild ästhetische Qualitäten, die in ihrem Ausdruck bewusst künstlerisch eingesetzt werden können.  „Sizilien“ weiterlesen

Lieblingskamera in New York

Was macht eine Lieblingskamera so kostbar? Ein Mensch, der sich geliebt fühlt, versprüht einen ganz besonderen Glanz. Aber können auch Dinge funkeln? Wollen Kameras lichte Augenblicke des Glücks erhaschen? Das Schillern der Morgenröte? Das Leuchten in den Augen? 

Weiter Blick von der Edge-Aussichtsplattform, 336 Meter hoch über der Stadt: 

Als Arete (griech. ἀρετή) beschreibt man die besondere Tauglichkeit einer Sache. Ihre wesentliche Qualität, durch die sie ihre Aufgabe erfüllt. Was wäre wohl dann die Arete meiner Lieblingskamera? Ich habe sie nach New York gebracht und mit ihr eine Woche lang ausführlich die Stadt erkundet. Meine Überlegung dazu war: Was würde sich eine Kamera wünschen, wenn sie könnte? Was wäre der Lebenstraum dieser kleinen alten Zorki? Und bevor es hier jetzt zu sentimental wird: An mich dachte ich auch. Ich wollte gerne in die Stadt. Dinge haben keine Seele. Ganz ehrlich, Name und Marke der Kamera sind für das Bild eigentlich gleichgültig. Vor allem, wenn man sich klar macht, dass das analoge Foto durchs Objektiv gemacht wird und auf Film entsteht. 

In Harlem habe ich gewohnt und hier war ich die meiste Zeit unterwegs: 

Wie Zauberstäbe brauchen auch Kameras einen Träger, eine Idee und eine Absicht dahinter. Ein Fotoapparat folgt im Moment des Auslösens strikt seinen eigenen technischen Gesetzmäßigkeiten. Als künstlerisches Instrument betrachtet sind Kameras jedoch nicht autonom. Äußere Umstände, Ideen, Wahrnehmungen, Überlegungen und sogar Gefühle des Fotografen spielen für das Bild ebenfalls eine wesentliche Rolle.

Letztendlich dachte ich einfach, weder gefühlsduselig noch völlig rational, mit meiner Lieblingskamera müsste ich doch sicher ganz besonders schöne Fotos machen können. Und New York war dann die ‚coolste‘ Stadt, die ich mir für diesen Versuch denken konnte.  „Lieblingskamera in New York“ weiterlesen

ORWO TC27

Berglabor und Fotoexperimente aus den Dolomiten

Hier möchte ich Fotoexperimente aus den Bergen sammeln. Es ist ein Portfolio mit meinen Erfahrungen beim Versuch, nur mit einfachsten Mitteln analog zu fotografieren.
Kommt mit auf eine Reise in die Dolomiten und entdeckt den Look verschiedener Filme und den Zauber von Caffenol, einem selbstgemischten Entwickler auf Kaffeebasis.

Die Reise beginnt: Vorbereitung und Ausrüstung.

Mit vollem Rucksack bin ich im Sommer in die Berge gefahren. Im Gepäck hatte ich jedoch nicht nur alle meine Lieblingskameras, sondern auch Wechselsack, Caffenol, Fixierer und Entwicklungsdöschen.

Ewig zu warten, bis man seine Ausbeute begutachten kann, erschien mir keine gute Lösung. Deswegen ist sogar ein Reise-Scanner mit dabei. So habe ich ein kleines, aber komplettes Berglabor und kann ungestört arbeiten, Fotos machen und die Filme direkt entwickeln und die Ergebnisse anschauen.

Experimente mit verschiedenen Filmtypen: Von Klassikern bis zu Exoten.

Mir macht es sehr viel Spaß, neue Filme auszuprobieren. Dabei recherchiere ich vorher den Stil eines Films und versuche passende Themen und Motive zu finden. Manche Filme schillern in silberigem Glanz und erinnern an alte Kinolegenden, manche sehen besonders düstrer aus…

Caffenol: Ein selbstgemischter Entwickler auf Kaffeebasis.

Mein Caffenol-Rezept ist inzwischen ausgiebig erprobt und funktioniert eigentlich mit allen Filmen.

Caffenol-C-L
300 ml Wasser
5 g. Wasch-Soda
3 g. Vitamin C
12 g. Löslicher Kaffee
1 Meßlöffel (< 0,5 g.) Kaliumbromid

300 ml passen genau in eine kleine Jobo Filmentwicklungsdose. 70 Minuten Entwicklungszeit sind ein guter Richtwert bei 20 Grad. Die ersten 10 Minuten hin und wieder bewegen und vorsichtig schütteln. Anschließend kann man den Film 60 Minuten einfach nur stehen lassen.

Der Vorteil dieser Semi-Stand Entwicklung ist, dass sich das Caffenol anfangs gleichmäßig verteilt, danach wirkt der Entwickler aber ausgleichend. Ich habe das Gefühl, dass sich der Film nimmt, was er braucht. Caffenol C-L ist außerdem durch das wenige Soda nicht so stark und mit der langen Zeit von 70 Minuten ist es ein gutmütiges Entwickeln, welches manche Fehler verzeiht.


Ergebnisse aus dem Berglabor:

Der ORWO DN21 ist einer meiner Lieblingsfilme. Er ist sehr fein und perfekt für die Landschaftsfotografie geeignet. Weil er nur 16 ISO hat, kann man auch bei helllichtem Tage mit weit geöffneter Blende fotografieren und das Jupiter 9 Objektiv kann mit ihm seinen ganzen Charme entfalten.

Hier eine Auswahl mit dem ORWO DN21. Die Bilder wirken fein, scharf, hell, freundlich und besonders auch in den Mitten differenziert. Es ist ein fabelhafter Film für sonnige Ferientage mit einem lichtstarken Objektiv. 

Die Ergebnisse des ORWO DN21 wirkten so exquisit, dass ich sie zuhause mit einem guten Scanner nochmal eingelesen habe um genauer hinzuschauen. Tatsächlich ist er so superfein, dass man kaum noch Korn erkennen kann und selbst an weniger dichten Stellen findet sich noch eine erstaunliche Tiefe mit Bildinformationen.


Der ORWO TC27 ist eigentlich ein Verkehrsüberwachungsfilm mit Potenzial im Infrarot Bereich. Er hat zwar feines, aber doch deutliches Korn und ist 400 ISO schnell. Auf mich wirkt er teilweise etwas gräulich, wenn nicht sogar melancholisch und erinnert z.B. an eine Vorort-Reportage, an Pommes und Dosenbier mit wenig Glamour… Stimmungsmäßig eher wie ein Verwaltungsakt, wie ein Blitzerfoto oder wie eine Dokumentation aus alten, vergangenen Tagen.

Über den beinahe frugalen Look des ORWO TC27 habe ich mich sehr gefreut. Ein so schillerndes Bokeh, wie ich es bei den filigranen Gräsern am Bachlauf gemacht habe, hätte mit jedem anderen Film kitschig werden können. Hier wirkt es aber erstaunlich unprätentiös. Die Einsamkeit und leicht wehmütig anklingende Abendstille eines entlegenen Bergdorfs passt auch gut zu diesem Film, finde ich. 


Einmal Innehalten, die Waldeinsamkeit spüren und den kleinen Dingen Achtsamkeit schenken. Was klingt wie eine Weisheit aus der Meditationsapp im Smartphone habe ich auf fünf Metern Waldweg probiert. Ein solider, zuverlässiger Film dafür ist der Kodak Tri-X 400. Unten auf dem Waldweg ist das Licht auch tagsüber eher schummrig und das besondere am Tri-X 400 ist der erstaunliche Dynamikumfang mit schön definierten Mitten. Man kann eigentlich nicht viel falsch machen, ich finde es einen echten Allrounder und fein ist er obendrein auch noch.

Hier eine Auswahl mit besonders feinen Fotos mit dem Kodak Tri-X 400. Kleinigkeiten auf einem kurzen Stückchen Waldweg. 


Hier ein besonderes Sahnehäubchen: Der JCH Streetpan. Es ist ein schneller Film, mit 400 ISO und einem enormen Dynamikumfang. In Caffenol ist er mir leider nie geglückt und ich hatte bisher wenig Glück: Zu heiße Entwicklung, Natron statt Waschsoda… Diesmal, meine Sommerzeit in den Bergen war schon fast vorüber, wollte ich es nocheinmal probieren.

Bergbilder des JCH Streetpan. Wolken, Morgensonne Wasserfälle und Abendlicht. Ein vielfältiger und edler Film mit großem Dynamikumfang. 

Wenn man ihn ganz leicht unterbelichtet, erinnert das samtige Mattschwarz des JCH Streetpan fast an eine Kohlezeichnung. Das Korn hat etwas Puderiges. Das Bild wirkt durch die Breite an dunklen Grautönen schwebend, als könnte man es mit einer Hand verwischen. Wolken kommen besonders dramatisch heraus. Allerdings ist auch das silbern glänzende Dolomitgestein, welches in Wirklichkeit freundlich und hell scheint, dunkel und mystisch.


Die Civetta gilt als einer der schönsten Berge in den Dolomiten. Auf dieser Wanderung nahm ich erneut meine treue Zorki-Kamera, hier allerdings ergänzt durch einen Gelbfilter. Gelbfilter helfen den Himmel dramatischer zu gestalten und heben insbesondere die Wolken besonders hervor.  In der Landschaftsfotografie bietet es sich an, besonders feine Filme zu nehmen und auch leichte Grüngelb- oder Gelbfilter können dann zusätzlich helfen, das Foto besser zu konturieren.

Wanderung an der Civetta entlang mit der Zorki und leichtem Gelbfilter auf Ilford PAN F 50. 

Der Ilford PAN F 50 ist eigentlich ein sehr feiner, klassischer Film – diesmal allerdings im Berglabor leicht unterentwickelt, was die Schatten zusätzlich schwärzt und den Himmel und die Gewitterwolken noch mehr zur Geltung bringt.


Sehr deutlich kommt der Filter-Effekt bei diesem Versuch zur Geltung: Ilford SFX 200 mit 720er Infrarotfilter. Das ist ein Filter, der das gesamte sichtbare Licht bis 720 nm blockiert. Dadurch muss man aber auch deutlich längere Belichtungszeiten kalkulieren. Hier habe ich die meisten Fotos mit der Zorki und maximal geöffneter Blende (beim Jupiter 12 Objektiv ist das 2.8) etwa 1/60tel Sekunde oder sogar etwas länger, allerdings immer aus der Hand belichtet.

Berge, Morgenlicht und am Wasserfall. Erste Infrarot-Versuche mit 720er Filter und in Kaffee entwickelt. 


Feine Fotos aus dem Berglabor: In manchen meiner anderen Beiträge sammele ich feine Fotos. Dort ist es schön zu sehen, wie fein und dynamisch analoges Fotomaterial auflösen kann, wie viele Details sichtbar werden und was die Technik alles leisten kann. Allerdings ist das eigentlich nicht so sehr Thema in meinem Berglabor. Hier soll es vor allem darum gehen, zu zeigen, wie mit einfachsten Mitteln und quasi aus dem Reiserucksack heraus analog fotografiert und entwickelt werden kann.
Der ADOX CMS 20 II ist nun allerdings so fein geworden, dass ich nach dem Urlaub die Negative aus dem Berglabor auch einmal mit meinem guten Scanner zu Hause eingelesen habe. Hier sind die Ergebnisse.

Wenn man dem Wildbach Tegnàs immer weiter hinauf in die Berge folgt, kommt irgendwann die Quelle. Es ist ein magischer Ort, wo das Wasser überall aus den Felsen und zwischen den Steinen hervor quirlt und voller Lebenslust seine Reise hinab ins Tal antritt. 

Einer der schönsten Filme für Landschaftsfotografie ist sicherlich der japanische Fuji Acros. An einem winterlichen Neujahrstag wollte ich meiner Lieblingskamera einmal diesen besonderen Leckerbissen gönnen. Die Detaildichte, die feinen Kontraste und die differenzierten Dunkelgrautöne haben mich sehr überrascht.

Feine Fotos zu Neujahr. Mit meiner Lieblingskamera und Fuji Acros Film im Val d’Angheraz. Entwickelt habe ich den Film noch auf der Hütte, eingescannt jedoch wieder Zuhause im Atelier, mit meinem guten hochauflösenden Scanner.


Hoch hinauf. Auf teilweise schwierigen Steigen bin ich hier früh morgens 1800 Meter hoch auf das Hochplateaus Altopiano der Pale di San Martino gewandert.
Es ist fast wie auf dem Mond. So hoch oben findet man sich in den Bergen in einer anderen Welt wieder. Es war ein wolkiger Tag mit viel Regen. Völlig durchnässt und wegen des schlechten Wetters sehr einsam war ich auf dem „Sentiero 766 Albireo“ unterwegs.
Dabei hatte ich die Zorki mit dem Jupiter 9 Objektiv. Es ist ein weiches 85 mm Objektiv mit riesigen Gläsern und großer, weit öffnender Blende. So haben die Fotos auf dem eher unempfindlichen Film „Lomography Babylon 13“ einen traumartigen, leicht isolierenden Charakter. Tatsächlich enthalten ist im Lomo Babylon 13 Film das feine ORWO DN21 Material, welches wir schon von früheren Experimenten kennen.
In diesem Fall fand ich die 85 mm Brennweite gut. Es scheint, als ob man in einem kleinen altmodischen Theater die Vorhänge öffnet und auf eine Bühne schaut, wo sich das Geschehen dann abspielt. Aber es wirkt nicht so, als ob man wirklich mittendrin und mit dabei wäre. Besonders eindrucksvoll ist das Spiel der Wolken um die Berggipfel. Ich mag die weichen Unschärfen und Vignetten gegenüber den schroffen Felsen und freue mich über die kurzen Risse in der Wolkendecke, wenn die Sonne scheint.

Nach einem langen Tag in den Bergen ist hier meine vielleicht umfangreichste Galerie: Pale di San Martino mit der Zorki und dem Jupiter 9 Objektiv auf Lomography Babylon 13 Film.
Entwickelt und gescannt im Berglabor Dolomiti.


Nach einem langen Sommer in den Bergen packte ich über Silvester erneut alles für mein Berglabor: Zorki, Caffenol, Fixierer und einen mobilen Scanner. 

Alles, was man zum Fotografieren braucht: Zorki-Kamera, Entwicklungsdöschen, fertig gemischtes Caffenol, ein Fläschchen Fixierer und ein Scanner. Das Berglabor im Winter.

Der ORWO LF10 ist ein eigenartiger Film. Er trennt die Welt in eine helle und eine dunkle Seite. Wie ein Jedi-Ritter bei Star Wars muss man sich dann entscheiden, was man sehen will. Es gibt nämlich auch in den dunklen Bereichen durchaus feine Details. Der ganze enorme Dynamikumfang des Filmmaterials lässt sich indessen kaum ohne komplexe Software und Bildbearbeitung in ein digitales Foto packen. Also habe ich den Film zu hell gescannt.

Der düstere, sehr kontraststarke ORWO LF10 war mein erster Film in diesem Winter. Schneeberge, winterliches Bergdorf und Wildwasser. 


Schnee und Eiskristalle sind filigrane Wunderwerke. Während ich in den Winterferien ein Buch über den amerikanischen Forscher und Fotografen Wilson Bentley gelesen habe, wollte ich ausprobieren, wie weit und wie nah ich der Welt mit den beschränkten Mitteln in der Berghütte auf die Pelle rücken könnte.

Das Helios 44 Objektiv auf Makro-Rohr aus einer Toilettenpapierrolle.

Der Blick durch eine extrem vergrößernde Makro-Kamera eröffnet völlig neue Welten. Man vergisst alles andere um einen herum. Der Fokusbereich ist nur wenige Millimeter, Licht und Schatten schaffen dynamische Flächen mit Monsterbokeh und zwischen den Kreisen und blitzenden Lichtern treten für das eigene Auge kaum sichtbare Strukturen hervor.

Extreme Makrofotografie mit Klopapierrolle und der Zenit 3M Spiegelreflexkamera. Auf feinstem Kodak TMax 100 Film nach 70 Minuten Standentwicklung bei 20 Grad in Caffenol-CL. 


Der Street Candy ATM400 ist ein Schwarzweißfilm, welcher ursprünglich für Sicherheits- und Überwachungskameras in Banken und Geldautomaten verwendet wurde.
In Caffenol entwickelt, wird er bei mir regelmäßig sehr grobkörnig. Details oder feine Strukturen funktionieren damit nicht mehr, für die Landschaftsfotografie finde ich ihn aus diesem Grunde nicht so gut geeignet. Bei großen Formen, weiten Flächen tritt das Korn jedoch schön hervor und die Fotos bekommen dadurch eine jenseitige, traumartige Attitüde. Augenblicke kurz vor der Zersetzung und vollständigen Auflösung der Welt.

Die wenigen Sonnenstrahlen an kurzen Wintertagen einfangen: Street Candy Film mit der Zorki in den Bergen. Bei Gegenlicht entstehen durch die Blende des Jupiter 12 Objektivs die fliegenden Pentagone: ⬟⭔⬠. 


Zum Neuen Jahr gab es kein Feuerwerk. Stattdessen bin ich mit meiner Stirnlampe vor der Zorki herumgerannt und habe Langzeitbelichtungen gemacht.

Analoge Lichtmalerei. Langzeitbelichtungen mit Drahtauslöser und Zorki4K im verschneiten Garten. Entwickelt mit Caffenol. 


Happy Little Accidents.
Wenn es mal nicht so läuft, wie geplant:

Es ist Teil des Spiels, wenn man Experimente macht, dass nicht alle Filme gelingen. Manche Filme zerkratzen, andere reißen. Ich finde es ein ehrliches und den schroffen Bergen angemessenes Arbeiten, wenn sich auch solche Spuren im analogen Material wiederfinden.

Was passiert, wenn am Anfang nicht ordentlich entwickelt wird, sieht man hier:
Morgendliche Schafherde auf dem Weg zur Alm und ein etwas makaberes Stillleben mit toten Mäusen und verwitterter, bemooster Barbiepuppe, die ich im Wald gefunden habe.

Fatal war: Ich hatte keinen Messbecher und nur ein zu kleines Marmeladenglas. Da ich mein frisch angerührtes Caffenol ohne Vorwässern nicht in einem Rutsch, sondern in zwei Anläufen in das Entwicklerdöschen geschüttet habe, ist eine unschöne Linie über den ganzen Film entstanden. Gleichmäßiges Eingießen und sanfte Bewegung am Anfang des Entwicklungsprozesses sind, wie man sieht, essenziell.


Der ORWO P400 ist ein grober Film, der dadurch viel Charakter haben könnte. Leider ist aber auch das Trägermaterial sehr dünn und so habe ich in meinem doch eher rustikalen Berglabor beim Abstreifen direkt den ganzen Film zerkratzt.

Durch seine Körnigkeit hat der ORWO P400 einen ganz besonderen Look. Das Bild wirkt beinahe luftig und atmend. Wolken, Nebel, Silhouetten könnten damit wunderbar wirken.

Der ORWO P400 kann in Caffenol sehr dunkel werden. Speziell, wenn man ihn überentwickelt bzw. zu heiß entwickelt, ist er kaum noch lesbar.
Bei einer Wanderung im Winter hatte ich ihn wieder dabei. Den Film habe ich anschließend bei Raumtemperatur, etwa 16-17 Grad, für 80 Minuten in meinem feinen Caffenol-Rezept standentwickelt. Ohne Scanner und ohne Computer war die Digitalisierung diesmal besonders knifflig. Letztendlich habe ich die Fotos abfotografiert und mit der App Snapseed, mithilfe des Kurven-Tools, in Positive umgewandelt.

ORWO P400 im Winter. Ohne Scanner und ohne Computer habe ich hier versucht den dunklen Filmstreifen vor einer LED-Lampe in der Hütte abzufotografieren. Die Fotos der Negative habe ich anschließend mit einer App auf dem Handy in Positive umgewandelt, damit man sie sich anschauen kann. 


Mein Caffenol-Rezept funktioniert eigentlich ziemlich gut – nur die Temperatur sollte man im Rahmen von 20 Grad halten. Bei 7 Grad Standentwicklung über 3 Stunden ging es noch halbwegs gut. Der Film war fahl, aber fein durchgezeichnet. Nach 70 Minuten bei knapp 30 Grad am Kachelofen war der Streifen hingegen beinahe schwarz.

Hier eine Auswahl mit verschiedenen Filmen im Winter. Einige habe ich zu heiß am Ofen entwickelt, andere zu kalt; einige sind mir gerissen.


Am Ende eine kleine Vorgeschichte. Der Auftakt für mein Berglabor…

Letztes Jahr im Winter war ich schon einmal in den Bergen und habe versucht dort nicht nur analoge Fotos zu machen, sondern den Film anschließend auch direkt zu entwickeln und zu digitalisieren. Nur hatte ich damals nichts dabei. Nur meine Zorki zum fotografieren.

Erstes Berglabor: Versuch einen Film im Topf mit Kaffee zu entwickeln und mit normalem Kochsalz zwei Tage lang auf dem Ofen zu fixieren. 

In einem abgedunkelten Zimmer zog ich den Film aus der Kamera und legte das ganze Band in einen großen Kochtopf mit meiner Caffenolmischung. Das war damals das Delta-Rezept, welches schneller geht. 15 Minuten versuchte ich dann mit Gummihandschuhen vorsichtig den Film im Kochtopf zu bewegen, bis alles benetzt und entwickelt war. Schließlich legte ich ihn kurz in eine Schüssel mit etwas Essigwasser und zum Wässern in einen Eimer.

Mit Kaffe entwickelter Film zum Fixieren in Salzlösung

Auf dem Herd habe ich versucht, so viel Salz wie möglich in einem Liter warmem Wasser zu lösen. In dieser übersättigten Salzlösung habe ich anschließend den Film zwei Tage lang auf dem Kachelofen fixiert und hin und wieder durchgeschüttelt.

Ein Fehler war, dass das Fixierbad im Gurkenglas nicht lichtdicht war. Tatsächlich darf ein Film nach der Entwicklung noch nicht sofort ans Licht! Erst nach einer Weile im Fixierbad ist er nicht mehr empfindlich. So ist mein erster Filmentwicklungsversuch sehr dunkel geworden. Dennoch hat es funktioniert und es ergaben sich Negative, welche ich am Fenster gegen das Licht mit einer kleinen Digitalkamera abfotografieren konnte.

Zu Hause mit Wechselsack und Filmentwicklungsdose habe ich ein zweites Mal versucht, ob man einen Film in gesättigter Salzlösung fixiert bekommt. Es wäre einfach so cool, nur mit Hausmitteln… Diesmal ist der Film sehr schön geworden.

Nach ein paar Wochen habe ich ein Stück des Films wieder hervorgeholt und mit einem feinen Pinsel und KODAK Xtol Entwickler ein kleines X auf ein leeres, in Salz fixiertes Negativ gezeichnet. Leider wurde die Spur sofort sichtbar. Der Film war nicht richtig fixiert. Also auch wenn es zum Scannen und sogar Printen in der Dunkelkammer ausgereicht hat – wirklich sicher und haltbar ist das Ganze nach meiner Beobachtung leider nicht.

Zweiter Versuch. Winter in den Bergen. Mit Caffenol entwickelt und in Salz fixiert. Aber diesmal mit Filmentwicklungsdose. 


Im folgenden Winter war ich wieder in den Bergen, wieder ohne Fixierer.
Diesmal wollte ich das Fixieren mit Salz beschleunigen. Meine Überlegung war die: Ammoniak könnte meine Salzlösung unterstützen, indem überschüssige Bromid-Ionen gebunden werden und sich das Gleichgewicht weiter in Richtung Auflösung des Silberhalogenids verschiebt. Dadurch arbeiten die beiden Komponenten synergistisch.
Mit in warmen Wasser stark gesättigter Salzlösung und etwas Ammoniak habe ich dann versucht die Fotos im Berglabor zu fixieren. 

Wie wirkt Ammoniak beim Fixieren?
Ammoniak (NH₃) löst das unbelichtete Silberhalogenid (z. B. Silberbromid, AgBr) aus der Filmemulsion, indem es einen löslichen Silberkomplex bildet:

AgBr (s)+2NH3(aq)[Ag(NH3)2]+(aq)+Br(aq)

Am Ende hat man einen wasserlöslichen Diamminsilber-Komplex, der ausgespült werden kann. Ein großer Teil des lichtempfindlichen Silberhalogenid ist entfernt, das entwickelte Bild dagegen bleibt stehen.

Die Ergebnisse waren nach 70 Minuten Stand-Entwicklung bei 20 Grad in Caffenol C-L, einem Stoppbad mit Apfelessig und abschließend 17 Stunden in meinem Salz-Ammoniak-Fix zumindest soweit fixiert, dass ich sie gut im Reisescanner auf der Hütte digitalisieren konnte.

Ein Bild vom Cascata dell’Inferno habe ich anschließend digital weiterverarbeitet und einen röhrenden Hirsch mit etwas Bildrauschen  und Bewegungsunschärfe eingefügt. In Erinnerung an mein Projekt Beyond-infinity. Magische Motive mit der Zorki-Kamera. 

Cascata dell’Inferno mit künstlich hinzugefügtem KI-Hirsch. Im Berglabor Dolomiti mit Caffenol entwickelter Film, mit Ammoniak fixiert und mit Photoshop weiterbearbeitet.

Es ist schon witzig, wie sich Bilder finden lassen. Im Zusammenspiel der vielen Möglichkeiten, einerseits mit „primitiven“ technischen Mitteln, andererseits mit generativer KI und neuer Software. Es fasziniert mich immer wieder und ist schön zu sehen, wie man Prozesse steuern und in der Fotografie eigene Ideen umsetzen kann.


Fotografieren auf Reisen macht sehr viel Spaß. Aber auch wenn man zu Hause ist, kann man viel erleben und nicht nur Experimente machen. Oft ergeben sich daraus tatsächlich schöne, besondere Fotos und ganz neue Blickwinkel auf die eigene Stadt.

Über meine fotografischen Eskapaden in Bonn habe ich einen inzwischen sehr umfangreichen Beitrag mit vielen Hunderten Fotos geschrieben. Wer möchte, ist herzlich eingeladen zum Stöbern, Lesen und Fotos angucken: Bon(n) ExpérimentalFotos aus Bonn

Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen. 

In der Kunst geht es am Ende immer auch um den Menschen. Dabei ist es manchmal jedoch gar nicht so einfach, die Menschen zu mögen. Für viele Probleme kann man die Menschheit verantwortlich machen. Allein die Umweltprobleme: Plastik im Meer, Artensterben, Klimawandel… Trotzdem ist die Menschenliebe für Künstlerinnen oder Künstler ein sehr wirksamer Antrieb und viele Arbeiten drehen sich um den Zweck des Menschseins oder das Verhältnis des Menschen zur Welt. 

Besonders in schwierigen Zeiten ist es wichtig, die Menschen gern zu haben. Dabei hilft, wenn man sich klar macht, dass viele unserer globalen Probleme in Wirklichkeit nicht von einzelnen Menschen gemacht sind, sondern in der Form ihres Zusammenlebens gründen. Tatsächlich sind nur selten einzelne Menschen schuld. Unsere Probleme sind vielmehr Probleme der Gesellschaftsform: Es sind wirtschaftliche und politische Probleme, aber keine Probleme des Menschen an sich. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung einer Gesellschaft, beispielsweise gegenüber der Geschichte und gegenüber gemeinsamen Idealen und Werten. Jedoch alle Menschen pauschal verantwortlich zu machen ist insbesondere auch deshalb unfair, weil die meisten Menschen mit den aktuellen Zuständen der herrschenden Elite, korrupten Politikern oder Militärdiktaturen absolut nicht einverstanden sind. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es wäre zynisch, wenn man sie für die Situation in ihrer Heimat verantwortlich machte. Auch lebt beispielsweise die Hälfte der Menschen in armen Verhältnissen (48,4 % der Weltbevölkerung lebten 2013 von weniger als 5,50 Dollar am Tag) und hat überhaupt nicht genug Geld, um exzessiv zu konsumieren und viele Ressourcen zu verbrauchen. Die Menschen sind also nicht das Problem, sondern die Gesellschaftsform und sehr wenige einzelne Privilegierte, die unverhältnismäßig davon profitieren. 

„Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen. „ weiterlesen

Poetische Fotos aus Berlin

Küchentisch meiner alten Wohnung in Berlin

Fotos einer Stadt schaffen über die Zeit einen persönlichen Raum der Erinnerungen. Hier möchte ich meine Berlin-Fotos zusammenfassen. Nachdem ich früher zwei Jahre dort gelebt habe, bin ich inzwischen nur noch selten in Berlin. Aber bei jedem neuen Besuch mache ich natürlich neue Fotos. An sonnigen Sommerabenden ebenso wie an verregneten Novembermorgen…

In diesem Portfolio plane ich, eher wenige, aber besonders interessante Bilder aus Berlin zu sammeln. Mit jedem Besuch der Stadt kann diese Bildersammlung wachsen und um einige neue Fotos und Beobachtungen erweitert werden.

Wie Berlin ist, kommt darauf an wen man fragt. Berlin ist Party, Geschichte, Politik, viel zu groß, unfreundlich, gentrifiziert, Hauptstadt, das grüne Umland, international, kreativ, Techno, arm aber sexy, häßlich und grau…

Falls man der Stadt eine eigene Poesie zusprechen möchte, wäre es jedenfalls eher kein gemütlicher, heimelig-romantischer Zauber. Berlin ist nicht das Venedig des Nordens oder das Paris des Ostens. Aber etwas Eigenes ist Berlin auf jeden Fall.

Schnappschüsse der legendären LOMO LC-A:

Ein Kriterium für meine Auswahl war „poetisch“. Ich wollte „dichterische“ oder „lyrische“ Bilder aussuchen und meinte damit den Wunsch, in irgendeiner Form beseelte Fotos zu finden. Deshalb sind es auch nur analoge Fotos. Im Gegensatz zu digitalen Fotos wirken analoge Fotografien einheitlich, rund und mehr aus einem Guss. Wie eine Glocke ohne Sprung. Die Dinge scheinen in der physischen Bildebene aufzugehen und wirken eben nicht ausgeschnitten oder isoliert, wie es oft bei digitalen Fotos der Fall ist. Die Emulsionsschicht ist wie eine Luftschicht, ein freier Raum, von Licht durchflutet. Im Bereich der Emulsion ist die Atmosphäre zum leben und atmen für das Bild. Es wird nichts berechnet, reduziert oder korrigiert. Die bildgebenden Prozesse sind chemischer Zauber, alchemistische Verwandlung… Echte, analoge Fotos sind physische, beinahe haptische Bilder.

Schwarzweiße Fotos von Wänden und Spiegelungen: 

Oft will man zu viel. Dann muss man sich reduzieren. Aber worauf? Nach einer längeren Pause war ich im Herbst 2023 für drei Tage in Berlin und wollte fotografieren.

Das einzig Beständige ist der Wandel. „Poetische Fotos aus Berlin“ weiterlesen

Poetische Fotos aus Berlin

Küchentisch meiner alten Wohnung in Berlin

Fotos einer Stadt schaffen über die Zeit einen persönlichen Raum der Erinnerungen. Hier möchte ich meine Berlin-Fotos zusammenfassen. Nachdem ich früher zwei Jahre dort gelebt habe, bin ich inzwischen nur noch selten in Berlin. Aber bei jedem neuen Besuch mache ich natürlich neue Fotos. An sonnigen Sommerabenden ebenso wie an verregneten Novembermorgen…

In diesem Portfolio plane ich, eher wenige, aber besonders interessante Bilder aus Berlin zu sammeln. Mit jedem Besuch der Stadt kann diese Bildersammlung wachsen und um einige neue Fotos und Beobachtungen erweitert werden.

Wie Berlin ist, kommt darauf an wen man fragt. Berlin ist Party, Geschichte, Politik, viel zu groß, unfreundlich, gentrifiziert, Hauptstadt, das grüne Umland, international, kreativ, Techno, arm aber sexy, häßlich und grau…

Falls man der Stadt eine eigene Poesie zusprechen möchte, wäre es jedenfalls eher kein gemütlicher, heimelig-romantischer Zauber. Berlin ist nicht das Venedig des Nordens oder das Paris des Ostens. Aber etwas Eigenes ist Berlin auf jeden Fall.

Schnappschüsse der legendären LOMO LC-A:

Ein Kriterium für meine Auswahl war „poetisch“. Ich wollte „dichterische“ oder „lyrische“ Bilder aussuchen und meinte damit den Wunsch, in irgendeiner Form beseelte Fotos zu finden. Deshalb sind es auch nur analoge Fotos. Im Gegensatz zu digitalen Fotos wirken analoge Fotografien einheitlich, rund und mehr aus einem Guss. Wie eine Glocke ohne Sprung. Die Dinge scheinen in der physischen Bildebene aufzugehen und wirken eben nicht ausgeschnitten oder isoliert, wie es oft bei digitalen Fotos der Fall ist. Die Emulsionsschicht ist wie eine Luftschicht, ein freier Raum, von Licht durchflutet. Im Bereich der Emulsion ist die Atmosphäre zum leben und atmen für das Bild. Es wird nichts berechnet, reduziert oder korrigiert. Die bildgebenden Prozesse sind chemischer Zauber, alchemistische Verwandlung… Echte, analoge Fotos sind physische, beinahe haptische Bilder.

Schwarzweiße Fotos von Wänden und Spiegelungen: 

Oft will man zu viel. Dann muss man sich reduzieren. Aber worauf? Nach einer längeren Pause war ich im Herbst 2023 für drei Tage in Berlin und wollte fotografieren.

Das einzig Beständige ist der Wandel. „Poetische Fotos aus Berlin“ weiterlesen

Kunst der Nachhaltigkeit – Ausstellung in der Galerie der Global 3000 Group in Berlin

Herzliche Einladung zu unserer Ausstellung:
„Kunst der Nachhaltigkeit“

Von mir gibt es einen mit Kaffee entwickelten Handabzug vom Rhein zu sehen.
Im Sommer 2020 bin ich mit Fahrrad und Zelt immer weiter den Rhein hinauf gefahren. Dabei ist dieses Foto entstanden.
Weil ich zu wenig Entwickler (Caffenol) genommen habe, ist der Film (ORWO P400) ungleichmäßig entwickelt. In diesem Fall ein „Happy Little Accident“ – so tritt nämlich der Himmel plötzlich schön dramatisch hervor und ich habe ein analoges High Dynamic Range Foto (HDR-Bild, Bild mit hohem Dynamikumfang) geschaffen.  

Rheinarm, mit Caffenol entwickeltes, analoges HDR Foto

Mit Kaffee Filme zu entwickeln und von diesen Filmen ebenfalls mit Kaffee in der Dunkelkammer große Abzüge zu entwickeln, erscheint mir fast wie Zauberei. Komplett analog und weitgehend mit Verzicht auf komplizierte Chemikalien. 

Der Versuch sich zu reduzieren und alternative Wege zu suchen ist gerade in der Fotografie immer auch experimentell. Man lernt sehr viel über Materialien und Technik und bekommt durch die (nur scheinbare) Einschränkung ganz neue Möglichkeiten und überraschende Ergebnisse. 

Die Ausstellung mit Foto, Malerei, Zeichnung, Collage, Installationen, Objekte und Videos von 41 Künstlerinnen und Künstlern ist vom 4. September bis 2. Oktober 2020 in der Galerie für nachhaltige Kunst „Group Global 3000“, Leuschnerdamm 19 in 10999 Berlin Kreuzberg.

Link zur Ausstellung:
https://gg3.eu/de/kunst-der-nachhaltigkeit/

PROGRAMM: 

Vernissage 4.September 2020, 19:00 Uhr 

  • „Die Arbeit von GG3“: Tom Albrecht
  • Eröffnungsrede zur Ausstellung: Jule Böttner, M.A.
  • Whathappensnext Ensemble Berlin: Stimmen, Viola, Saxophon, Akkordeon 

Hier ein paar Farbfotos von unserer Vernissage:

Künstlergespräch 11. September 19:00 Uhr

Online-life-Vortrag 22. September 19:00 Uhr
„Nutzen, was da ist. Ein komplexer Ansatz für zukunftsfähiges Wirtschaften“, Dr. Corinna Vosse. Link zum dialogischen jitsy-meet ab 18:45 auf der Website

Finissage 2. Oktober 19:00 Uhr