Eine Ästhetik des Prekären

Die leisen Töne, Poesie und suchende Positionen im Bild.

Wie können wir die Wichtigkeit offener Prozesse, die Kostbarkeit unsicherer, suchender Positionen in einem Umfeld deutlich machen, welches durch Wettbewerb und einen lauten Wettstreit um Gelder, Gunst und Aufmerksamkeit geprägt ist?

Anstatt den Text zu lesen, könnt ihr hier auch direkt zu meinem Portfolio mit vielen Fotobeispielen springen:
Fotografien zur Ästhetik des Prekären.

Ich möchte, dass Kunst etwas Besonderes ist. Ich wünsche mir Zeit; möchte Staunen und Erleben können. Die Fähigkeit, aber auch die Freiheit, mich auf etwas einzulassen. Gleichzeitig sehe ich im Kulturbetrieb vor allem Marketing- und Social-Media-Aktivitäten. Viele Kunstschaffende agieren dabei überaus professionell und sehr spezialisiert.
Wie können wir damit umgehen? Müssen sich Kunstschaffende an die gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen? Müssen sie auch immer lauter werden? Immer professioneller agieren? Und was geht verloren, wenn irgendwann alle Marketingprofis, Spezialisten und eloquente Vermittlungsprofis sind?

Mit diesem Beitrag möchte ich eine Diskrepanz aufzeigen. Ich glaube, dass eine Ästhetik des Poetischen nicht authentisch sein kann, wenn der Rahmen gleichzeitig hochgradig kompetitiv ist. Zarte Annäherungen, leise Töne, subtile Arbeiten, fragende Herangehensweisen und Unschärfen passen nicht in eine Welt, die laut, schnell und außerdem rhetorisch und didaktisch so überaus versiert ist. Es experimentiert sich äußerst verkrampft, wenn man weiß, dass jeder Versuch beobachtet, dokumentiert und kommuniziert wird. Und wie kann man ergebnisoffen arbeiten, wenn schon vor Beginn feststeht, dass am Ende ein innovatives neues künstlerisches Produkt entstanden sein muss?

Was meine ich, wenn ich von einer Ästhetik des Prekären spreche?

Skizzen, Notizbücher, Pläne, unscharfe Fotografien, Überzeichnungen, gebrochene Farbflächen, lose Buchseiten, Erinnerungsstücke, Fragmente, Einblicke in Recherchen, Mindmaps, Archivarbeit und Gedankenfetzen, Hinweise auf Aufenthalte, Begegnungen, Zitate und nur lose, konstruierte Verbindungen … Es geht um künstlerische Arbeiten mit offenen Grenzen. Strukturen, die noch ungesichert, nur flüchtig, schemenhaft, instabil und fragil sind. Gemeinhin sagt man auch prozesshaft, wobei es nicht allein um den künstlerischen Prozess und das Material geht, sondern immer auch um die Inhalte. Eine Ästhetik des Prekären zeigt sich dort, wo auch die Themen prekär sind. Wenn z. B. Unsicherheit oder Zerbrechlichkeit zum Thema wird, zeigt sie sich auch im Wesen der Materialität und im Ausdruck. Solche künstlerischen Arbeiten sind nicht einfach fassbar, ihr Gehalt wächst im Werden. Dabei ist vieles vage. Vieles bleibt offen.

Im Geiste dieser Arbeitsweise entstehen Positionen, die sich aus einer Ansammlung von Spuren nach und nach zusammensetzen. Oder herauskristallisieren. Entfalten. Eine Bilderserie im Geiste einer Ästhetik des Prekären ist eine Argumentationsform, die besonders dort interessant wird, wo etwas nicht einfach normativ, sprachbasiert behauptet werden kann. Und beim Lesen dieser Spuren erklingt dann das Wesen der Arbeit und weckt in jedem und jeder Lesenden eine ganz eigene, persönliche Resonanz. Ein visueller Denkprozess kann stattfinden, Zusammenhänge können entdeckt werden und eine Ahnung wird offenbar. Ihre ganze Kraft entfaltet eine Ästhetik des Prekären in Portfolios. Erst im Portfolio zeigt sich die künstlerische Denkfähigkeit; es ist eigentlich nie nur ein einzelnes Werk ohne Kontext.
So eine offene Bildsprache findet man beispielsweise auf Kunstwebseiten, in künstlerischen Magazinen, aber auch bei Fotowettbewerben und in Ausstellungen.

Diese Offenheit in künstlerischen Arbeiten finde ich gut. Absolute Wahrheiten und eine zu feste Begrifflichkeit sind verdächtig; ebenso grandiose Technik und handwerkliche Meisterschaft, wenn sie sich elitär, exklusiv und ohne Sinn und Zusammenhang selber feiern. Gleichzeitig birgt eine Ästhetik des Prekären aber auch die Gefahr der Mittelmäßigkeit. Es gibt Fotografien, die sind einfach nicht gut. Und man kann sich vieles schönreden. Skizzen sind nicht angreifbar. Sie sagen: Hier entsteht etwas. Es sind Versprechen, die sich nicht immer einlösen lassen. Eine suchende Arbeitsweise kann auch eine gemütliche Versicherung gegen Kritik sein. Man ist nie fertig, folglich liegt man nie daneben.

Schwerer als das gelegentliche Mittelmaß wiegt aber das Problem, dass auch innerhalb der offenen künstlerischen Arbeit eine Ökonomisierung stattfindet. Es geht selten nur darum, eine Position zu entwickeln und weiter auszubauen. Weil Kunst gesellschaftlich arbeitet, ist von Anfang an die Vermittlung immer auch ein elementarer Bestandteil des Prozesses. Künstlerische Professionalität ist nicht nur technisches Können und Geschick, sondern auch die Fähigkeit, die eigene Arbeit zu vermarkten. Erwartet wird deshalb eine ästhetische Forschung, die zwar ergebnisoffen sein soll, aber am Ende trotzdem Ergebnisse liefert.
Durch den Vermittlungsdruck müssen Kunstschaffende immer auch als Person, außerhalb ihrer Positionen und jeweiligen Bildsprache, im Kulturbetrieb professionell agieren. Mit Sprache, mit Texten, durch saubere Dokumentation … Ich glaube, dass durch diesen Zwang etwas verloren geht.

Durch die zwangsläufigen Kooperationen, durch Zielvereinbarungen, Regeln der Kunstförderung und durch die Arbeit in Projekten entsteht ein struktureller Widerspruch. Künstlerinnen und Künstler sollen kreative Lösungen anbieten; sie müssen professionell genug sein, um überzeugende Förderanträge zu stellen, ihre Unternehmungen ordentlich zu dokumentieren und die bewilligten Gelder planvoll auszugeben. Rausch und Exzess gehen anders; auch Muse und Inspiration. Es passt nicht so richtig in diese Welt, aber selbst Langeweile, Planlosigkeit, Zufälle, Überraschungen und geduldiges Warten und Üben sind Qualitäten, die künstlerisch wertvoll sein können. Kunstschaffende müssen sich jedoch in allen Kontexten rechtfertigen und sollen ständig überall erklären können, warum das, was sie machen, relevant ist.

Ist ein unscharfes Foto nun poetisch oder nicht? Letztendlich kann ein visueller Denkprozess nicht vermittelt werden. Das Denken ist autonom. Sehr viele Arbeiten, die ich heute sehe, sind aber auf Vermittlung angewiesen. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Werke erst im Portfolio- oder Serienzusammenhang lesbar werden. Das wäre ja völlig legitim. Aber im Kulturbetrieb ist die Vermittlung selbst zur wertstiftenden Instanz geworden. Und bei vielen Arbeiten geht dem Werk dann die eigene Bedeutung verloren. Dann gibt es nur noch allein den Vermittlungsapparat, der wie ein Wolkenschloss um irgendetwas herum errichtet wird. Gesehen wird nur noch die kuratorische Rahmung.

Vermittlung von nichts.
Manchmal ist es nur noch ein großes Rauschen. Weil der Vermittlungsakt in einer Informationsgesellschaft so zentral ist, hat er sich inzwischen vollständig verselbstständigt. Kunst braucht überhaupt keinen substanziellen Gegenstand mehr. Sie vermittelt sich selbst und die Vermittlung ist die Kunst. Was wäre Kunst ohne Publikum? Jede Position ist eine Provokation!
Klar: Ein etabliertes Werk wird zum festen Begriff. Renommierte Kunstschaffende definieren die Bildsprache. Aber alles andere, neue Arbeiten und zeitgenössische Kunst werden ohne Vermittlung oft gar nicht erst als Kunst erkannt.
Kunstvermittlung geht heute weit über ihre Ursprünge in der Museumspädagogik hinaus: Sie erschließt Inhalte, Kontexte und Bedeutungen von Kunst. Sie versucht, Dialoge anzuregen, und sie erklärt auch nicht nur, sondern versucht, die Betrachtenden zu ermutigen, eigene Perspektiven zu entwickeln. Sie schafft Brücken und knüpft Fäden zwischen Kunstwerken, Institutionen und Rezipierenden, sowohl im Museum als auch im Kunsthandel. Professionelle Kunstvermittlung entwickelt zielgerichtete Strategien für ein sehr heterogenes Publikum und fördert die kulturelle Teilhabe, speziell auch von marginalisierten Gruppen. Dabei verbindet sie kuratorische Expertise mit einer kritisch-reflektierten Haltung und sichert den Anschluss an aktuelle wissenschaftliche Diskurse.

Nur was passiert, wenn irgendwann alles vermittelt wird? Wenn in Zukunft eine wortgewandte KI überbordende Texte zu selbst den schwächsten Arbeiten liefert? Eine cheerleadernde Beweihräucherung jeder neuen Äußerung … Gleichzeitig werden starke Positionen – künstlerische Arbeiten, die eigentlich für sich selbst sprechen könnten – gezwungen, sich durch die Vermittlungsmaschinerie zu quälen, nur um überhaupt gesehen zu werden. Weil das System es verlangt. Weil scheinbar nur noch durch Vermittlung Aufmerksamkeit generiert werden kann. Als wären die Menschen dumm. Traurig ist, dass durch die gutgemeinte Vermittlung schließlich auch die spezifische Qualität einer offenen Arbeitsweise und das Besondere einer prekären Ästhetik verloren gehen. Und die Fähigkeit, autonom künstlerische Spuren zu lesen und visuell zu denken, wird immer weniger trainiert.

Die Phänomene, welche ich anfangs aufgezählt habe – die Ästhetik des Prekären, die Offenheit zeitgenössischer Positionen –, sind keine Eigenschaft der künstlerischen Positionen allein, sondern immer auch eine soziale Lesart. Manche mögen eine Aufnahme als poetisches Fragment lesen, andere sehen dort nur ein unscharfes Foto. Die Vermittlung der Intention verschiebt jedoch den Elitismus, statt ihn abzuschaffen. Wer Kunst vermittelt, hat kulturelles Kapital. Sprache, Netzwerke, Aufmerksamkeit, Raum, Mittel …
Die Ästhetik des Prekären wird allerdings zur Farce, wenn eine Elite die Regeln der Vermittlung definiert. Ein guter Ansatz, der das zu vermeiden versucht, ist beispielsweise die Peer-to-Peer-Vermittlung; Kinder werden geschult, um altersgerecht und auf Augenhöhe durch Ausstellungen zu leiten.
Aus Sicht der Kunstschaffenden bleibt es jedoch ein Problem. Hinter der Fassade finden sich im Kulturbetrieb letztendlich immer genau die gleichen hierarchischen Strukturen wie schon immer. Die Vermittlung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein Elfenbeinturm ist, in dem sich alles nur um sich selbst dreht; die Kunstwelt reproduziert Werke, die wie Kunst aussehen. Eine herantastende, suchende Position, die unter solchem Konformitätsdruck agiert, wird wohl kaum innovativ sein.

Vielleicht gibt es Lösungen. Aber eine lösungsorientierte künstlerische Position hätte sich viel zu schnell erschöpft. Und Lösungen können auch Politiker, Journalisten, Marketing-Menschen und Produktentwickler anbieten. Kunst müsste so beschaffen sein, dass sie unabhängig von Sprache, Wissen, Status, Vermögen und kulturellem Kapital in der Lage ist, Werte für Menschen zu schaffen.
Vielleicht hilft es, wenn sie sich dafür vom Paradigma der Vermittelbarkeit freimacht. Kunstvermittlung ist ja nicht per se schlecht. Sie sollte nur nicht die Hauptrolle spielen. Kunstschaffende können versuchen, etwas Besonderes zu schaffen, zunächst einmal nur für sich. Um der Sache selbst willen. Sie können etwas kreieren, was nur wenigen möglich ist. Sie können Elite sein – nicht durch Abgrenzung oder Ausschluss, sondern durch Zeit und ihre persönliche Zuwendung. Durch ihr Vermögen, sich tatsächlich auf dieses bestimmte Vorhaben einzulassen. Indem sie etwas möglich machen, der Welt zuhören und zuschauen zu können. Durch den Raum, den sie ihren Erfahrungen und Eindrücken geben. Durch Achtsamkeit, im respektvollen Anerkennen des Anderen, Neuen, Gefundenen. Durch Begeisterung und durch ihre persönliche Definition des Spielfeldes.
Und schließlich, indem sie Zugänge zu ihren Welten schaffen und ihre Eindrücke teilen. Wie eine Windböe, die einen Wetterwechsel ankündigt, wie ein Loch in der Wolkendecke. Das Besondere kann direkt und pur aus der künstlerischen Arbeit erlebbar werden.


Mein Portfolio: Fotos zur Ästhetik des Prekären

In diesem Portfolio möchte ich Fotos sammeln, die meiner Meinung nach gut ausdrücken, was eine Ästhetik des Prekären ausmacht.
Es sind Fotos mit Figuren, Tieren, Orten, Wegen in besonderen Situationen, technisch prekäre Fotos im Sinne überraschender Experimente, besondere Umstände in Natur und Umwelt, Pflanzen und Blumen in prekären Zuständen, Bewegungen und Unschärfen, Fotos, die sich im Begriff der Auflösung befinden, Spuren und Ausnahmesituationen, kosmische und Wetterereignisse und schließlich all die anderen Fotos, bei denen man sich denkt: „WTF? Was war denn da los! Und warum?“

Fotos, die an anderer Stelle auf meiner Webseite bereits prominent gezeigt werden, nehme ich nur, wenn es wirklich richtig gut passt. Sonst versuche ich sie herauszunehmen, damit es nicht so viele Doppelungen gibt.

In meinem Beitrag „Identität und Präfiguration. Zum Umgang mit offenen Kunstsystemen.“ führe ich viele Gedanken aus, die hier auch mit hineinklingen. Speziell zum Zustand des Unterwegsseins habe ich schließlich ein sehr großes eigenes Portfolio: „Fotos vom Unterwegssein“.