RGB als Instrument der Phänomenologie

Hier kommt eine kleine Abhandlung über die Notwendigkeit von Rot, Gelb und Blau (RGB). Die Idee habe ich schon etwas länger; sie war eigentlich sogar in dem Sinne gemeint, dass ein Bild nur dann vollkommen sein kann, wenn es die wesentlichen Qualitäten von Rot, Gelb und Blau in sich vereint. An dieser Stelle möchte ich aber, weniger provokativ, zunächst nur einen Ansatz schildern: Eine Methode, wie man aus den Qualitäten der Farben eines Objektes heraus Rückschlüsse ziehen kann und damit ein Instrument erhält, um seine Umwelt, und vor allem Bilder, ganz neu zu entdecken. 

Am Anfang steht die Idee, Farbe etwas weiter gefasst zu sehen. Dabei erschließt sich der Gehalt einer Farbe besonders gut, wenn man sie mit andern Farben vergleichen kann. Es gilt also zunächst, die Dynamik der Relation zu den anderen Farben auszuloten und assoziativ den symbolischen Gehalt einer Farbe einzugrenzen. 
Dabei unterscheiden wir vorab die ganz grobe Tendenz einer Farbe. Räumlich gesehen bewegen wir uns dafür von der Tiefe nach Vorne – von Blau (tief) über Gelb (zwischen) hin zum Rot (nach vorne drängend). 
Denkt man sich dann Blau als Symbol für Himmel oder Atmosphäre… Nun wird vielleicht jeder ein anderes, persönlich gefärbtes Blau vor Augen haben. Im Vergleich zu Rot und Gelb fällt es allerdings leicht, eher dem Blau das Tiefe zuzuschreiben. Pauschal, verallgemeinernd finden wir sogar bei allem mit einer gewissen Tiefe das Blau: Der Horizont verschwindet im Blau, der Himmel ist Blau (je höher man fliegt, wird das Blau zum Weltall hin immer tiefer und dunkler) und Seen werden an ihren tiefen Stellen noch blauer. (Als schöner blauer See sei an dieser Stelle der Lago di Carezza / Karersee in den Dolomiten empfohlen.)

Der Karersee/ Lago di Carezza
Der Karersee / Lago di Carezza in den Dolomiten

Weiter übertragen kann man Blau auch als typisch für „Wissen“ sehen. Spontan beobachten kann man entsprechend, dass Seriosität, Wissenschaft und Erfahrung oft mit Blau präsentiert werden. Auch die Logos von Versicherungen sind oft Blau, dass kann helfen, einem auf Vertrauen und Sicherheit ausgelegten Unternehmen die notwendige beruhigende und verlässliche Ebene beizufügen. Wer„den Blues hat“, ist vielleicht nicht so aktiv und eher melancholisch gestimmt – taucht mit seinen Gedanken in die Tiefe…
Wir können also feststellen, dass Blau im Vergleich zu den anderen beiden Grundfarben eher Assoziationen in die Tiefe weckt. Eine feinere Ausdifferenzierung sollte allerdings jeder für sich selber machen; es macht außerdem wirklich Spaß, den Dingen, Menschen, Tagen etc. um sich herum bestimmte farbige Qualitäten zuzuschreiben. 

Mit der Beobachtung, dass Blut auf dem Rückweg durch die Venen im Kreislauf blauer ist, kommen wir nun zu den anderen Farben. 
Bei ähnlich verallgemeinernden Betrachtungen zu den Grundfarben Rot und Gelb, finden sich nämlich auch weitere universale Basiseigenschaften, welche für die jeweilige Farbe stehen. Für Gelb kann man das Licht, die Entwicklung im Verlauf, die Sonne und die Eigenschaft des >zwischen etwas zu sein< sehen. Dem Rot dürfte entsprechend eher das Feuer, der Sauerstoff und die Kraft / Power zugesprochen werden. Entsprechend tritt es im Vergleich auch nach Vorne – allein deswegen, weil uns das Kräftige, Schnelle, Stechende, Aggressive, Direkte natürlich viel unmittelbarer angeht und auch besser zu greifen ist. Ebenso passt die Säure in den Bereich Rot, während sich das Basische im Blauen bewegt (entsprechend der Farbskala beim Lackmuspapier). Man denke sich nur die fast schon beliebige Wirkung eines blauen STOP-Schildes. Und mit dem Hinweis ACHTUNG verbindet man auch besser Rot, als Gelb oder Blau. 

Als Symbol stehen jedoch alle Farben gleichwertig für die Freude und den Ausdruck von Leben und sind bei jeder ganzheitlich gedachten Form von Existenz notwendig. Man darf also vermuten, dass die Farben, als ein wesentlicher Teil des Daseins, jede Entwicklung begleiten. Durch ihre Dominanz oder eben gerade durch ihr offensichtliches Fehlen, welches natürlich auch entsprechende, komplementäre Eindrücke hervorruft… Jede Entwicklung äußert sich folglich in bestimmten Farben oder Farbkombinationen.  

Am Beispiel der Mohnblume ist, wie bei vielen anderen Pflanzen auch, zu sehen, dass sie am Anfang aus einer Mischfarbe von RGB (Braun), aus der Erde entsteht. Reines Schwarz, wie die entsprechend ausgewogene Einheit von RGB ergeben könnte, ist in der Materie, also im irdischen Dasein, nur denkbar. Die additive Farbmischung, eine Einheit von RGB auf Basis von Lichtfarben, ergibt >Weiß< (sehr helles Grau bzw. Braun), während das zusammenkippen von CMY(K) (Cyan, Magenta, Gelb (und Key plate / Schwarzanteil) = subtraktive Farbmischung) annähernd Schwarz wird. Aber eben auch nur annähernd, denn durch seine Geworfenheit in eine Umwelt kann Schwarz nie allein, ganz ausgewogen bei sich sein. (Beim Druck gibt man deswegen z.B. manchmal etwas Cyan (Blau) zum Schwarz, um dieses „tiefer“ zu machen). Im Prinzip würde Schwarz aber immer dunkler bzw. noch schwärzer sein können und ist dadurch eigentlich nie richtig Schwarz, sondern Braun. Sehen wir Schwarz, haben wir also in Wirklichkeit eine sehr irdische Farbe vor uns – vereint sie doch alle drei Grundfarben in sich, und ist dennoch nie ganz Schwarz. Ich finde Schwarz auch eine schöne Metapher für das Leben: Als äußerste Form der Farben, die gerade so, aus einem rein geistigen Zustand in die Verhältnismäßigkeiten, das Kräftespiel und die Abhängigkeiten des Lebens getreten sind.

Schwarz / Braun, als Farbe der Erde, hat dabei oft schon einen Stich, ein Übergewicht zum Gelb (z.B. Ocker). Nach den obigen Überlegungen über das Wesen vom Gelb, würde Erde durch diese farbliche Tendenz in sich überwiegend „gelbe“ Eigenschaften tragen; diese beinhalten (mehr als Blau, welches eher der Ursprung, oder Rot, welches eher das Ziel wäre) den Impuls zur Entwicklung. Erde ist somit farblich ein sehr schöner Ausgangspunkt. 
Die Mohnblume wächst nun aus der Erde heran und bildet eine schöne, rote Blüte (als Produkt der Entwicklung einer Mohnblume sehen wir, heute nur auf Farben fixiert, besonders die rote Blüte. Die Kapsel würde unter einem anderen Blickwinkel sicherlich ein gleichwertiges Produkt neben der Blüte darstellen). Zum Grün der restlichen Pflanze bildet die rote Blüte den sehr starken Komplementärkontrast als äußerstes Ziel, welches mit irdischen Mitteln erreichbar ist. Der grelle Komplementärkontrast zeigt dabei farblich den Gipfel der Entwicklung unserer Mohnblume an. Jetzt könnte man sich fragen, warum der Stiel unserer Beispielmohnblume ausgerechnet grün ist. Pflanzen sind sehr häufig am Anfang ihrer Entwicklung Grün, was zunächst auf einen Rot-Mangel rückschließen lassen könnte. Ein Mangel an Kraft ist aber doch ganz offensichtlich nicht wirklich feststellbar, kann man immerhin beobachten, wie selbst kleine grüne Pflänzchen sogar ganz robuste, schwarze Teerstraßen sprengen – eine eigentlich ja eher„rote“ Begabung. Überlegt man es sich recht, merkt man aber: Rot ist die ganze Zeit mit dabei! Während der Entwicklung, im Wachstum als Komplementärfarbe, in seiner Blütenform als Ziel und als Teil des Brauns der verwelkenden Blume. 

An dieser Stelle hilft es vielleicht, sich kurz über das Wesen der Komplementärkontraste klar zu werden: Jede Farbe ruft aus sich heraus eine ganz bestimmte >Gegenfarbe< hervor. Schauen wir z.B. lange auf eine helle rote Fläche und dann auf eine weiße Wand, sehen wir an der Wand das Nachbild der hellen roten Fläche in Grün (vgl. Nachbild, Entoptischer Eindruck, Nachwirkung des Netzhautbildes). Ein ganz wichtiger Wunsch jeder Farbe ist es, ihre Komplementärfarbe hervorzubringen – nur so kann sie ihre maximale Wirkung sicher entfalten. (Zur Arete der Farben vgl. auch Symbolon, Kugelmenschen). Wie ein Magnet, sucht eine Farbe also ihr Komplementär (Erfüllung, Ergänzung). Anders herum betrachtet, kann man aus einem Ding gleichzeitig auf den größten Wunsch, auf die Feder, die es antreibt, auf seine Motivation rückschließen. In diesem Sinne ist die große Motivation des Grüns sein komplementäres Rot zu finden, weil es nur gemeinsam mit diesem richtig vollendet strahlen kann. An dieser Stelle würde sich ein Exkurs über Glanzfarben anbieten und über Hell-Dunkel-Kontraste, Qualitätskontraste usw. Wichtig ist aber vor allem zu behalten, dass Kontraste „aufgeladen“ sind. In ihnen steckt eine geradezu magnetische Kraft, die einzig und allein die verbindende Erfüllung sucht – starke Kontraste schaffen Spannung; ein Gewitter: bevor es Blitzt.
Außer bei Farben, gibt es natürlich auch in anderen Bereichen Kontraste: Wer zu lange nur einseitige Szenen betrachtet (z.B. Wölfe, Löwen und Schafe bei schönstem Wetter friedlich zusammen auf einer Blumenwiese unter Regenbögen / Gephotoshopte Supermodels ), wird in sich mit der Zeit Bilder von Gemetzel, Mord, Totschlag, Krankheit und Entstellungen aufsteigen sehen. Wer sich nur mit Blumen, Duft und zarten Klängen umgibt, wird mit der Zeit sicher krank oder traurig werden, wenn er nicht anders einen Ausgleich findet. Auch: Je schneller und leichter wir Informationen über Etwas bekommen können, desto weniger Vertrauen können wir entwickeln und desto unsicherer fühlen wir uns mit der Zeit. In diesem Sinne findet man noch etliche weitere Metapher und auch sicher berechtigte Ansätze zur Gesellschaftskritik… 
Der Komplementärkontrast fungiert bei unserer Farbbetrachtung also als Ziel. Das Beispiel der Mohnblume ist in diesem Zusammenhang etwas unglücklich, weil die Blüte ja sogar tatsächlich rot ist. Eigentlich geht es aber vielmehr um den Prozess: Die grüne Pflanze strebt ihrem Ziel (Blüte) entgegen. Während des Wachstums, wenn sehr viel Kraft auf ein Ziel (Blüte) hinstrebt, finden wir folglich die Komplementärfarbe Rot. Im Verwelkungsprozess, nachdem das Ziel erreicht wurde, geht die Pflanze immer mehr in die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Umwelt über. Eine Komplementärfarbe zur Tertiärfarbe Braun kann man sich dabei ausrechnen, indem man den Farbstich des Brauns als Aufhänger nimmt. Wahrscheinlich tendiert die Verwelkungsfarbe ins Orange – demnach wäre das Komplementär während der Verwelkung etwas im Blauen (Rotorange-Blaugrün / Gelborange-Blauviolett). 

Wenn sie verblühen, werden die Blumen wieder bräunlich



Das Beispiel der Mohnblume zeigt also, wie sich aus der fast schwarzen Erde durch Blau (Wasser, Wissen, Ursprung, Tiefe etc.) und Gelb (Licht, Entwicklung, begleitend, verbindend, Zwischenzustand etc.), d.h. aus Grün, ein Blüte (Rot) bildet, welche schließlich im Zuge des Verwelkungsprozesses wieder annähernd in den Ausgangszustand (Braun / Schwarz) zurück bzw. weiter verwandelt wird. Im zeitlichen Verlauf des Lebenszyklus hat dabei jede Farbe eine unterschiedliche Volatilität (Schwankung, Abweichung vom Standardwert, der hier bei >Schwarz< bzw. >Weiß< angesetzt wäre). Während des ganzen Prozesses sind aber immer irgendwie alle drei Grundfarben beteiligt: Entweder direkt oder komplementär, als Ziel, als Qualität der zu vollbringenden Leistung (Kraft des Wachstums) oder als begleitende Eigenheit der Umwelt. Überträgt man das Beispiel der Mohnblume, wäre es also möglich aus der jeweiligen Abweichung vom Basiswert (Braun / Schwarz), allein durch die Farben der Lebensformen, Rückschlüsse auf ihren jeweiligen Entwicklungsstand und ihre möglichen Ziele zu ziehen. 

Ein Farbschema kann sogar in immer dem gleichen Wesen, als immer wiederkehrender Zyklus auftreten: So zeigen z.B. die Schneehasen jährlich im Sommer ein braunes Fell, dass zum Winter heller, (fast weiß!) wird. Bei den Schneehasen ist auch schon erkennbar, dass Farben nicht nur als Begleitung von Entwicklungsprozessen, sondern auch als notwendig erscheinende Äußerung auftreten. Auch in der Fauna finden sich oft nämlich gar nicht anders erklärbare Farben. Diese Farben haben sicher meistens ihren Ursprung in den besonderen Erfordernissen der ökologischen Nische, dienen also dem Überleben der Art. Hier bieten sich das Chamäleon bzw. manche Tintenfische und Fangschreckenkrebse als Beispiele dafür an, wie sich Objekte optisch ihrer Umwelt anpassen können. Dennoch könnte man behaupten, dass auch diese Umstände nicht allzu schroff zu den >universalen< Farbeigenschaften stehen müssen. Das Objekt reagiert mit seinen Farben bzw. den Möglichkeiten seiner Augen auf äußere Impulse und spätestens nach dem Absterben des farbigen Objektes gelten sowieso wieder die äußeren Gesetze. 

Schließlich steht die pauschale Feststellung, dass man das Wesentliche, dass was die Grundfarben RGB ausmacht, in der Umwelt, (welche sich ja in einer ständigen Veränderung, Metamorphose, Entwicklung befindet) jederzeit an allen Objekten wiederfinden kann. Anders gesagt, geben wir den Farben auch genau deswegen ihre spezifischen Eigenschaften, weil wir sie so ähnlich in unserer Umwelt erleben. Auf ein einzelnes Dasein übertragen, können uns die Farben anzeigen, an welcher Stelle es sich in seinem Entwicklungsprozess (bzw. Zyklus) befindet. Der Unterschied zwischen lebendem – und totem Etwas ist dabei, wie ja bereits erwähnt, dass letzteres seine Farbgebung nicht mehr autonom beeinflussen kann, also ganz den äußeren Umständen ausgesetzt ist. 
Wenn man sich vor Augen führt, wie immer alle drei Grundfarben in ihrer Korrelation den Status eines Objektes widerspiegeln, ergeben sich ganz neue, spannende Dimensionen für die Betrachtung. 

Nach diesen ganzen Worten hier nun eine kleine Auswahl mit Blüten, welche ich fotografiert habe um die Beobachtungen bunt und in voller Pracht zu ergänzen: