Erfolgreich Malen II

Erfolgreich Malen II: Verdichtung und Tiefe
Viele Menschen möchten gerne malen. Hier habe ich einige Erfahrungen und Ansätze zusammengestellt, die es erleichtern sollen in das künstlerische Schaffen hineinzufinden.

Ich will versuchen möglichst konkrete Impulse zu geben, vor allem aber möchte ich Mut machen neues auszuprobieren und immer weiter zu malen – denn solange man unterwegs ist, kann man auch wo Neues ankommen.

Nach dem rein technischen Anfang geht es hier als nächstes darum, einen persönlichen Arbeitsansatz und einen eigenen Bezug zum Bild zu finden.

In drei Schritten zum eigenen Bild: 

1. Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte
Hat man erst eine feine Auswahl mit interessanten Motiven zusammen, müssen diese im folgenden Schritt in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und entlang eines „roten Fadens“ aufgefädelt werden. Diese persönliche Geschichte sollte man nicht notieren oder anderen erzählen, sie muss nur für einen selbst klar sein. Spricht man darüber, verliert sie oft an Kraft. Im Dialog mit Anderen passt man an, filtert, verkürzt oder schönt eventuell und schafft so unabsichtlich neue Wahrheiten, „alternative Fakten“. Für die eigene Geschichte ist es aber sehr wichtig, dass man ehrlich ist – nicht aus moralischer Sicht sondern ganz einfach deshalb, weil man sonst schnell wieder das Interesse daran verliert.

What’s the Story?

Wenn man so will, findet eigentlich erst hier das wirklich „Künstlerische“ statt, weil man sich persönlich, auf seine Art und Weise positionieren muss. Egal was das konkrete Thema und Motiv sind, erst durch die Geschichte können wir einen eigenen Bezug dazu entwickeln.

Liebe & Angst sind sehr große, universale Bezugspunkte, über die sich jeder identifizieren kann und die eine persönliche Geschichte ausmachen. Wenn man weiß wen man liebt und wovor man Angst hat, kann man den kleinen Details der Motive sehr viel mehr Achtsamkeit schenken, ist für Nuancen und Abweichungen sensibilisiert und außerdem immer wieder motiviert weiter zu malen. Durch die Geschichte, die man sich wünschen würde, durch Dinge die einen sorgen oder Hürden sein könnten, kann man sich mit dem Bild verbinden. Durch die eigene Geschichte wird die Malerei wichtig, weil man erkennen kann, dass es ja letztendlich eben auch um das eigene Leben geht und die eigenen Möglichkeiten und die Zukunft davon abhängen.

Aber: Wem das alles zu schwer ist, wer keine Lust auf diesen sehr persönlichen und zugegebenermaßen etwas psychologischen Ansatz hat, der kann auch einfach nur spielerisch an die Sache herangehen. Sieht man die gefundenen Motive wie Figuren in einem Spiel, kann man experimentieren. Tatsächlich finden sich überraschende und neue Bilder sogar vor allem so, spielerisch. Nur ist es eben leichter gesagt als getan: Wirklich frei spielt man nur aus einer sicheren Position und gerade am Anfang fühlen sich viele noch nicht so sattelfest. Besonders Beginner müssen sich oft stärker motivieren und wissen nicht so recht, was sie malen sollen. Deshalb empfehle ich gerade am Anfang ruhig so richtig tief und ernsthaft in die „eigene“ Geschichte einzutauchen und dadurch auch Parallelen zwischen dem Malen und dem eigenen Leben zu ziehen. Das Spielerische, Leichte kommt dann fast wie von selbst dazu bzw. findet sich in der Wiederholung und technischen Entwicklung.

Für die ungegenständliche Malerei gilt übrigens genauso, dass sie eben nicht beliebig ist! Die Formen und Farben haben immer eine Funktion, eine eigene Persönlichkeit und einen Bezug zueinander. Tatsächlich ist die Geschichte in der „Abstrakten Malerei“ sogar noch viel wichtiger, weil man sich sonst sehr schnell in einer Beiläufigkeit verliert und keinen Sinn im eigenen Schaffen sieht.

2. Experimente
Fühlt man sich mit einer Technik sicher, wird es interessant Experimente zu wagen.

Bunte Spraydosen warten auf ihren Einsatz

Bestimmte Techniken passen traditionell sehr gut zusammen: Beispielsweise Bleistiftzeichnung und Aquarell. Es gibt aber auch ganz andere Wege und Materialien.  Man kann Siebdrucke machen, Graffiti und Schablonen. Spannend sind crossmediale Experimente mit Linoleum- oder Holzdrucken, Übermalung, Collagen und Enkaustik, Kaffee und Tee eignen sich als Malmittel, Schellack und Blattgold können mit aufs Bild…

Irgendwo sollte man aber letztendlich doch auch seriös bleiben. Es gibt bestimmte Grundlagen der Materialkunde und wenn man experimentieren möchte, empfiehlt es sich sehr parallel auf die Standardwerke von Max Doerner oder Kurt Wehlte zurückzugreifen. Und bevor es zu wild wird: Ganz einfach eine eigene Tempera zu machen und mit selbst gesiebten Pigmenten malen, eigene Pflanzenfarben mischen oder Papier schöpfen kann auch schon sehr erfüllend sein und das künstlerische Repertoire enorm erweitern.

Ein für mich sehr spannender Ansatz ist z.B der Versuch möglichst ohne Einkäufe auszukommen und nur mit dem, was man findet und geschenkt bekommt zu malen.

Auch wenn man nur kleine Formate arbeitet, sollte man ab und zu „groß denken“. Spätestens für Kunstpreise, Stipendien und Ausstellungen muss man auch Werke mit einer gewissen physischen Größe in petto haben und gerade für das eigene künstlerische Schaffen sind große Arbeiten oft so etwas wie ein „Meilenstein“. Ein großes Format kann eine echte Herausforderung sein und lässt einen wachsen.

3. Abschließen und gut sein lassen
Vielleicht der schwierigste Punkt im Prozess ist es, auch im richtigen Moment aufzuhören. Zu leicht kann man etwas „tot malen“ – das Bild verliert an Spannung, die Farben vermatschen und alles wird irgendwie langweilig. Für manchen muss das Bild einfach nur voll gemalt sein, muss überall Farbe haben. Aber eine Schicht reicht nicht. Erst wenn man sich so richtig in das Scharmützel zwischen Farben, Motiven, Form und Komposition gestürzt hat, bleiben Spuren dieses Kampfes im Bild zurück – daraus kann das Bild Kraft ziehen.

Jetzt kann man sich wieder an die eingangs entwickelte Geschichte erinnern. Wie passt es dazu? Kann man das Bild einordnen, ist es einen Schritt weiter? Gab es vielleicht eine unerwartete Wendung? Hat sich die Geschichte entwickelt?

Wenn man einen Teil vom Bild abschneiden könnte, ohne dass es dem Bild spürbar schaden würde, dann stimmt die Komposition nicht. Es gibt Flächen, die einfach nur um das Motiv herumhängen – das darf nicht sein. An diesen Stellen müssen Bezüge geschaffen werden; Spuren eines Dialogs.

Verschiedene Pinsel, sauber ausgewaschen

Ein Trick, um beim Malen den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen ist schließlich, in Serien zu arbeiten. Arbeitet man innerhalb einer Gruppe mit mehreren Bildern, gibt es das Vorher und Nachher. Dann will man nicht mehr zu viel in das einzelne Bild hineinpacken und lässt ihm eher den nötigen Freiraum. Auch schwindet die eigene Erwartung an das Bild und es wird einfacher etwas Neues frei zu entfalten. Ein guter Nebeneffekt ist außerdem, dass man dann auch gleich eine ganze Serie mit Bildern hat und während beim einen noch die Farben trocknen, kann man schon am nächsten arbeiten.

Und schließlich, ganz platt gesagt: „Wenn man nicht mehr weiter weiß – dann malt man leider nur noch Scheiß…“ Manchmal ist es einfach am besten einen Kaffee zu trinken, das Bild weg zu legen und eine Zeit lang ruhen zu lassen.