Kreise, Kosmos und Kollisionen

Der Urknall

Kreise laden direkt zu philosophischen Eskapaden ein.
Diesen Sommer habe ich mich viel mit Kreisen beschäftigt. Parallel zur Arbeit an einer kleinen neuen Serie (10 Blätter à 56×76 cm) mit Aquarell, Öl und Tusche auf großem Büttenpapier habe ich versucht über den Anfang, das Ende, den Urknall und die Expansion des Universums nachzudenken. 

„Das Weltall ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall, dessen Umfang nirgends ist.“ – Blaise Pascal

Egal was man nimmt, wenn man es lange genug teilt, halbiert und zerkleinert, am Ende wird man in einer abstrakten Dimension zu winzigen Teilchen kommen. 

Eher gasförmige Systeme

Teilchen die zu klein für eine weitere Teilung sind, messen wir eine kreisrunde Form zu. Hätten sie noch Kanten, könnte man sich zumindest vor dem inneren Auge eine weitere Teilung bzw. Zerberstung oder Absplitterung vorstellen. Aber ganz am Ende, wenn es einfach nicht mehr kleiner geht, ist man bei einem abstrakten runden Etwas angekommen. Etwas, dass vielleicht mehr Energie als Masse ist und irgendwo zwischen den Dingen existieren mag… 

Doch auch im allerkleinsten Punkt verliert die Kreisform nie ihr wesentliches Merkmal: Dass sie immer zwei Seiten hat, dass sie immer ein Inneres von einem Äußeren trennt. Dadurch, dass sie da ist, markiert sie einen Ort. Und egal wie groß oder klein, jeder Ort ist einer Kraft ausgesetzt und dadurch ist seine Form auch nie unendlich. 

„Denn alles Übrige hört auf, sich zu bewegen, wenn es an den ihm bestimmten Ort gelangt ist. Nur für den im Kreis sich bewegenden Körper fällt der Anfangs- und Endpunkt seiner Bewegung zusammen.“ – Aristoteles

Erste Verdichtungen, Krusten und Kreisfragmente

Möchte man sich die unendliche Größe des Weltalls vorstellen, kommt man abstrahiert auch immer wieder zu einer runden Kreisform. Im Unendlichen fällt es schwer an Kanten und Ecken zu denken, wären diese mit ihren Winkeln und Seiten doch viel zu umständlich, um nicht wiederum nur Teil von etwas noch Größerem zu sein. Eine gerade Kante bekommt irgendwann immer eine Beule. Straffe, feste Seiten fransen irgendwann aus, werden brüchiger und verteilen sich immer weiter. 

Galaxienhaufen

Sterne, Sonnensysteme, Galaxien, Filamente bis hin zu großen Quasargruppen – fasst man alles immer weiter zusammen, kommt man schließlich doch auch zu einer Form, die etwas beinhaltet und dadurch aber immer auch zumindest theoretisch etwas ausschließt. Unsere Vorstellung braucht diese Form, obwohl das in Anbetracht der Unendlichkeit unangemessen sein mag. Denkt man sich das Weltall aber als einen Ort und wollte man ihm eine Form geben, könnte nur die Kreisform der Unendlichkeit zumindest von der Idee her nahekommen. Jede andere Form wäre zu sehr durch ihre eigene geometrische Besonderheit bestimmt, um dem Unfassbaren einen unendlichen Raum zu geben. 

„Look at the stars, see how the floor of heaven is inlaid with small disks of bright gold. Stars and planets move in such perfect harmony that some believe you can hear music in their movement.“ – Shakespeare, The Merchant of Venice

Zeit und Gravitation sind die fundamentalsten physischen Gesetze. Die Zeit ist der Raum, in dem etwas stattfindet. Ohne Zeit gibt es keinen Raum. Wenn die Zeit eines Dinges um ist, löst sich dessen Raumzusammenhalt auf und die verbleibenden Elemente verbinden sich mit der Umgebung. Die Kraft, welche diese Verbindung sucht, ist die Gravitation – die Anziehungskraft. Die Größe, der Raum über den sich dieser Prozess vollzieht, ist die Zeit. 

Innere und äußere Hülle

Zeit und Gravitation sind so mit dem Raum verbunden, wie auch im Kreis die Form und die Größe das Verhältnis von Innen und Außen bestimmen. Ein sehr großer Raum dehnt die Zeit auch immer weiter aus. Umgekehrt formuliert gibt es aber auch keine Zeit mehr, wenn es keinen Raum gibt – weil dann keine Kraft mehr wirkt. 

So wie im Teilchenbeschleuniger, prallten vielleicht auch am Anfang unseres Universums zwei Teilchen aufeinander. Der Urknall war nicht eine Explosion aus sich heraus, sondern eine Kollision von zwei Teilchen, die Aufgrund der Anziehungskraft zueinanderfanden. 

Komplexe Systeme bilden sich aus

Weil da aber nichts war, wo sich die zersplitterten Fragmente dieser Kollision hinbewegen konnten, ging und geht es seitdem immer weiter auseinander. Die Bruchstücke des Urknalls bewegen sich immer weiter und über die Zeit entsteht schließlich das Leben mit allen seinen schier unendlichen Ausformungen. Wie man es im Kleinen auf unserem Planeten beobachten kann, geht die Entwicklung dabei nicht linear, sondern exponentiell. Gleichzeitig entsteht die Zeit auch erst aus dem weiteren Verlauf heraus. In großen Massen, bei Verdichtungen und unter extremer Konzentration wird die Zeit dagegen immer langsamer. 

Unser Zeitverständnis ist allein durch unser Bewusstsein geprägt, wobei auch wir schon z.B. durch Achtsamkeit und mehr Gefühl großen Einfluss auf die Zeit um uns nehmen können. 

„Die Frage, ob es einen absoluten Zeitstandard gibt, der global durch die innere Geometrie des Universums definiert ist, ist eines der großen ungelösten Probleme der Kosmologie.“ – John D. Barrow, brit. Mathematiker und Kosmologe

Mannigfaltigkeiten I

Im Moment vor dem Urknall muss man sich das Universum extrem verdichtet vorstellen. Allerdings auch Zeitlos. 

Nun kann man theoretisch aber ebensogut auch an die andere Seite der Extreme gehen. Was passiert nach der absoluten Expansion des Universums? 

Irgendwann hat sich das Weltall soweit auseinander bewegt, dass zwischen den verbleibenden Teilchen kaum bzw. keine Gravitation mehr ist. Die Zeit wird in diesem Zustand aber unendlich viel schneller vergehen und entsprechend ist die Geschwindigkeit von allem auch unendlich groß, was die Entfernung irrelevant macht und es den Teilchen ermöglicht überall nahezu gleichzeitig zu sein. Aufgrund der Anziehungskraft, durch die Gravitation, werden sich die zwei nächsten verbleibenden Teilchen finden. Die expandierende Bewegung wird dadurch umgedreht. Immer weitere Teilchen finden durch die wachsende Anziehungskraft zueinander, verbinden sich und schaffen immer größere Massen – bis zur kompletten Verdichtung und damit bis zum nächsten Urknall. 

„Kosmologen sind oft im Irrtum, aber nie im Zweifel.“ – Lew Dawidowitsch Landau, Nobelpreisträger für Physik 1962

Mannigfaltigkeiten II

Im Moment der absoluten Verdichtung kann das Weltall nur als runde Kreisform existieren. Da es dann aber auch alles enthält und kein Raum mehr frei ist, wird in diesem Moment auch die Zeit stehengeblieben sein bzw. ab da, wo die Zeit wieder voranschreitet, wird es sich auch wieder auseinander bewegen. 

Wenn man es sich überlegt, ist es doch schon ein Wunder, dass allein unsere Welt verstehbar ist, dass wir immer weiter Geheimnisse und Zusammenhänge entdecken und durch unsere Intuition und das Denken auf neue Wege geführt werden, die uns wieder weiter bringen. 

Kreisartige Strukturen

Beispielsweise findet man überall in der Natur immer ein Prinzip der Zweiheit. Es gibt beispielsweise Hell und Dunkel, Männlich und Weiblich, Innen und Außen, Sendend und Empfangend, Ausdehnend und Verdichtend… Die Gegenüberstellungen ließen sich beliebig fortsetzen. Für alle Theorien bietet es sich an Parallelen zu ziehen. Eigene Beobachtungen können durchdacht und sich offenbarende Wahrheiten weiter übertragen werden. 

Die Gleichzeitigkeit ist schließlich der Schlüssel, der unserem Bewusstsein die Unendlichkeit vielleicht  ein bisschen öffnen könnte. Es scheint doch unvollständig, wenn man nur von einem pulsierenden, sich auseinander und wieder zusammenbewegenden Universum ausgeht. Was gab den ersten Impuls, durch den alles anfängt? Vielleicht ist die Gravitation eine Kraft, die immer auch das andere sucht. Wie ein Dialog zwischen zwei Prinzipien. Zwei Prinzipien, die sich vielleicht sogar in weiten Teilen sehr ähnlich sind, aber dennoch auch gegensätzlich genug, um in einem ständigen Wechselspiel miteinander groß und klein unendliche neue Formen zu gestalten. 

Vielleicht sind es zwei solche Teilchen, die durch ihre Kollision die Initialzündung für unser jetziges Universum gegeben haben. 

Vielschichtiges Universum

Mit nur einem Kreis als Ausgangspunkt für den Urknall müsste man nach dem Wie und dem Warum fragen. Wie entstand der Impuls für den Urknall? Warum nicht vorher, oder ein bisschen später? Man hätte auch die Idee vom Innen und Außen nicht gelöst, denn jeder Kreis ist schließlich durch seine Form begrenzt. Er „ruht“ in etwas, das ihn umgibt. 

Um wirklich alles zu beinhalten und unendlich zu sein, muss man aber alle beide Seiten des Kreises berücksichtigen.
Nur scheinbar gegensätzliche Prinzipien, wie Ausdehnung und Konzentration, Materie und Dunkle Materie, Licht und Dunkelheit, die miteinander spielend gleichzeitig im Universum ablaufen, können so etwas wie eine unendliche Formfreiheit schaffen. Nur im wechselseitigen Austausch, im Dialog miteinander verschwindet das Innen und Außen.
Als abstrahiertes Symbol dazu findet man dann auch entsprechend sehr schön das Zeichen der Unendlichkeit, mit zwei sich immer weiter verbindenden Kreisen.